Brief aus dem Jenseits

Brief aus dem Jenseits Buch von Fritz Gerlich

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1964 wurden diese Zeilen veröffentlicht: "Brief aus dem Jenseits"

In Wien-Hietzing lebt Frau Tanja Tschuppik, die Witwe des Journalisten: und Schriftstellers Walter Tschuppik, der nach einem erfolgreichen, Wirken in Wien, London Zürich, München und Bonn vor neu n Jahren gestorben ist. Walter Tschuppik war im Jahre 1933, selbst ein Opfer des nationalsozialistischen Terrors im Münchner Polizeigefängnis und einige Monate später im Zuchthaus Stadelheim bei München mit dem bekannten katholischen Publizisten und Märtyrer seiner - Idee, Dr. Fritz Gerlich, zusammen getroffen. Bei einer solchen Begegnung am 28. August 1933 im Hof von Stadelheim flüsterte Gerlich seinem Freund zu: Ich weiß, daß mich Hitler ermorden lassen wird. Seien Sie mein Testamentsvollstrecker! Teilen Sie allen, die es angeht, mit, daß ich niemals Selbstmord verüben werde, trotz aller Drohungen und Martern, denn ich bin ein überzeugter Christ! Und wenn ich tot bin, ermordet, dann leihen Sie mir Ihre Hand und Ihre Feder, um zu sagen, was ich dachte.

Gerlichs Ahnung erfüllte sich ein Jahr später, in grausiger Weise. Tschuppik aber hielt sein Testament, in Ehre und versandte bis zu seinem eigenen Tode alljährlich jeweils am Tag seiner letzten Begegnung mit Gerlich in alle Welt einem "Brief aus dem Jenseits", in dem es unter anderem heißt:

"Ich, der Schreiber dieses Briefes, bin in München in der berüchtigten deutschen Bartholomäusnacht am 30.: Juni 1934 ermordet worden. Ich war viele Jahre lang Chefredakteur der "Münchner Neuesten Nachrichten" und später bis zur Machtergreifung Hitlers Herausgeber der Wochenschrift ,;Der gerade Weg" in München, die ich gegründet hatte, um Hitler zu bekämpfen. Ich war ein katholischer Schriftsteller und tief durchdrungen von der Überzeugung, daß - Hitler und seine Bewegung nicht nur über Deutschland, sondern über die ganze Welt namenloses Unglück bringen werden. Nachdem ich am 10. März 1938 verhaftet und 15 Monate im Gefängnis gehalten worden war, mußte ich, sterben

Ich, wurde ermordet, weil mir Hitler es niemals verziehen hat, daß ich vor ihm als einem satanischen Lügner und der Ausgeburt des Bösen gewarnt hatte. In jener schrecklichen., .Nacht, in der im Auftrag Hitlers nicht nur Röhm und seine Anhänger ermordet wurden, sondern auch viele Hunderte unschuldiger. Menschen sterben mußten, die Hitlers Haß verfolgte, drangen die Mörder auch in meine Zelle. Sie schleiften mich nach Dachau. Auf dem Weg dahin schlugen sie mich zu Tode. Meine Leiche wurde verscharrt und der Öffentlichkeit mitgeteilt, ich hätte Selbstmord begangen.

In vielen Köpfen verbreitete sich der gefährliche Glaube, Hitlers Herrschaft sei nur, der Ausdruck einer großen sozialen und ökonomischen Krise, die über die ganze Welt gekommen sei. Eine solche Auffassung führt leicht dazu, die Ursachen aller schrecklichen Ereignisse nicht nur in der verbrecherischen Natur Hitlers und im moralischen Verfall Deutschlands, sondern auch anderwärts zu suchen. Aber die grauenhafte Apokalypse dieser Zeit spottet jedes Versuches, sie wie andere Revolutionen und Umstürze zu erklären. Die alten politischen und soziologischen Terminologien sind unbrauchbar geworden."

Da Walter Tschuppik nicht mehr am Leben ist, und den "Brief aus dem Jenseits" nicht mehr versenden kann, soll er zum dreißigsten Todestag Dr. Fritz Gerlichs und zum Andenken an seinen Freund Tschuppik auf diesem Weg noch einmal in eine Welt hinausgehen, die diese Botschaft immer wieder hören muß.