DIE STIGMATISIERTE THERESE NEUMANN VON KONNERSREUT

ERSTER TEIL

Die Lebensgeschichte der THERESE NEUMANN

FRITZ GERLICH

Vorwort

Die folgenden Darlegungen beschäftigen sich mit dem Leben der Stigmatisierten Therese Neumann von Konnersreuth Sie suchen nach den heutigen Grundsätzen der Quellenprüfung in der Geschichtsforschung festzustellen, wie ihr Leben bis jetzt verlaufen ist und welche Geschehnisse desselben wir als geschichtlich gesichert ansehen dürfen, Aus dieser Aufgabestellung ergibt sich bereits die Umgrenzung ihrer Durchführung. Diese Untersuchung wird das Gesamtgebiet weltanschaulicher Erörterungen, wie sie in Arbeiten anderer. Forscher über den Fall Therese Neumann auftreten, beiseite lassen. Sie begnügt sich mit der Feststellung des Geschehenen. Hier aber versucht sie, Forschungsaufgaben aufzugreifen, die von der heutigen geschichtswissenschaftlichen Methode in ihrer Anwendung auf diesen Fall verlangt werden können. Die Arbeit ist also, um ein Fremdwort zu gebrauchen, eine kritische. Diese Zielsetzung ergab sich zwanglos aus dem Anlaß, aus dem ihr Verfasser sich mit dem Fall Therese Neumann zu beschäftigen begann

Im Sommer 1927 hatte die öffentliche Erörterung über die Vorgänge in Konnersreuth sich außerordentlich zugespitzt. Es bildeten sich geradezu Parteien, die mit Forderungen über die Behandlung des Falles an die öffentlichen Gewalten, insbesondere die bayerische Staatsregierung, auftraten. Im Namen der Vernunft und der Wissenschaft wurde verlangt, daß die Regierung sich zu Maßnahmen gegen die Stigmatisierte entschlösse. Von den extremen Richtungen, insbesondere von kommunistischen Kreisen, wurde sogar mit Gewalt gedroht, wenn die Staatsregierung nicht den Wünschen dieser Gruppen entsprechen sollte. Die Forderungen, die gestellt wurden, waren verschieden. Am gemäßigsten war jene Richtung, die unter dem Vorbringen eines wissenschaftlichen Interesses die Einschaffung der Stigmatisierten in eine "neutrale Klinik" verlangte, damit sie dort so, wie es dieser Richtung nötig schien, beobachtet und untersucht werden könnte. Extremere Richtungen verlangten, sie von der Öffentlichkeit abzuschließen, weil die Besuche in Konnersreuth zur "Volksverdummung" führten.

Es hat keinen Zweck mehr, diese Forderungen einzeln durchzusprechen, da die Erfahrung lehrt, wie rasch ein solches Aufwallen der Parteileidenschaft wieder vergessen wird. Es genügt der Hinweis, daß eigentlich alle diese Fordernden sich sehr wenig um die verfassungsmäßigen Rechte einer Staatsbürgerin kümmerten, die niemandem etwas zu leid getan hatte und niemanden aufforderte, sie zu besuchen und anzuschauen. Es schien eine Zeitlang, als ob die Behauptung wissenschaftlichen oder sonstigen Interesses genüge, einem unbescholtenen Menschen die verfassungsmäßig gewährleisteten Staatsbürgerrechte, insbesondere seine persönliche Freiheit, zu nehmen, und ihn zum wehrlosen Gegenstand mehr oder weniger berechtigt tuender Untersuchungen und Versuche zu machen.

Als die Dinge so weit gediehen waren, berührten sie meine beruflichen Pflichten. Ich war damals, und zwar seit mehr als sechs Jahren, Hauptschriftleiter der-"Münchner Neuesten Nachrichten" und hatte mich, wie überhaupt mein Leben lang, so vor allem in dieser Zeit für die Gewährleistung verfassungsmäßigen Lebens im Staate eingesetzt. Zwar begriff ich nicht, wie man überhaupt in einem Rechtsstaate auf den Gedanken kommen könne, unbescholtene Staatsbürger, die niemandem etwas getan haben, plötzlich deshalb, weil sie stigmatisiert sind, Schauungen haben und nach ihrer Antwort auf ausdrückliche Fragen keiner Nahrung bedürfen, in Anstalten irgendwelcher Art einzusperren und sie zu zwingen, ihren Körper zum Gegenstand der Untersuchung durch irgendwelche Dritte herzugeben, Ich begriff ebenso wenig, wie man einen solchen Staatsbürger glaubte zwingen zu dürfen, sich hinter Mauern zu begeben, um auf diese Weise Menschen, die man nicht gebeten hatte, am Besuch zu verhindern. Kurz : mich begann die Frage zu beschäftigen, ob und inwieweit eine bestimmte Form religiösen Lebens, die keineswegs die öffentliche Ordnung stört denn die Ordnung störten diejenigen, die nach Gewalt riefen, nicht aber die Stigmatisierte , und wie ferner ein Verhalten, dis in keiner Weise irgendeine Strafrechtsbestimmung vierletzte, berechtigen sollte, diesen Menschen seiner verfassungsmäßig gewährleisteten Freiheit und seines Verfügungsrechtes über seinen Körper zu berauben.

Die Angelegenheit entwickelte sich also für mich dahin, daß ich mir sagen mußte, ich käme vielleicht von heute auf morgen in die Lage, mit der Zeitung, die ich zu leiten hatte, einen Kampf für die Unverletzlichkeit der Verfassung und des natürlichen Rechtes eines jeden unbescholtenen Menschen aufnehmen zu müssen.

Es war also meine Berufspflicht, die mich veranlaßte, mich mit dem Fall Therese Neumann zu beschäftigen. Ich- begann mit Aufmerksamkeit die Veröffentlichungen über ihn zu verfolgen. Sie genügten aber nicht, mir eine Gewißheit über die Art des Falles zu verschaffen. So entschloß ich mich denn, die Verhältnisse in Konnersreuth und seine Stigmatisierte aus eigenem Augenschein kennen zu lernen. Ich habe in einem eigenen Abschnitt dieser Arbeit meine ersten Erlebnisse bei dreimaligem Besuche, nämlich vom 15.-18. September, 22.-25. September und 14.-18. Oktober 1927 in der gleichen Form wieder vorgelegt, wie ich sie am 6. November 1927 in der "Einkehr", Beilage der "Münchner Neuesten Nachrichten", Nr. 81 veröffentlichte. (Siehe S. 145 ff.)

Das Ergebnis dieser Besuche war ein doppeltes. Ich sah, daß der Fall Therese Neumann wert war, sich sehr gründlich mit ihm zu beschäftigen, und ich erkannte aus dem Vergleich der bisherigen Veröffentlichungen über Therese Neumanns Schicksale mit dem, was ich von ihr selbst, ihren Angehörigen und anderen vertrauenswürdigen Persönlichkeiten erfuhr, daß die bisherige Kenntnis nicht zureicht, über große Teile ihres Lebens, insbesondere ihrer Leidenszeit, ein sicheres Urteil zu gewinnen. Es kam aber noch ein rein persönlicher Umstand hinzu. Meiner akademischen Vorbildung nach bin ich Historiker. In der Zeit meines Universitätsstudiums hatte ich an Seminarübungen über den Quellenwert frühmittelalterlicher Heiligenlegenden teilgenommen. In jene Zeit war auch die neue wissenschaftliche Erörterung über Franz von Assisi gefallen. Bei diesen Seminarübungen hatte es mich immer nachdenklich gemacht, daß wir die Quellenaussagen zum Teil rein weltanschaulich werten. Was wir nach der naturwissenschaftlichen Ansicht unserer Zeit für unmöglich halten, sehen wir als einen Irrtum oder eine Fabelei der Quelle an. Nun sah ich in Konnersreuth ein Geschehen vor mir, das mich in der sinnfälligsten Weise an jene Zeit und jene Quellen zurückerinnerte. Da trotz aller politischen Tätigkeit und Tagesschriftstellerei die Neigung zum Forschen in mir nicht erloschen ist, empfand ich es als einen außerordentlichen Glücksfall für einen Historiker, an der lebendigen Gegebenheit Therese Neumann mittelalterliche Quellen nachprüfen zu können. Das große Problem aller Geschichtswissenschaft, nämlich die Frage nach der Art und der Gewißheit unserer Kenntnisgewinnung von vergangenem Geschehen, ließ sich hier an einem Fall miterlebend studieren. In einem Aufsatz : "Konnersreuth als historisches Problem" in "Die Einkehr", Beilage der "Münchner Neuesten Nachrichten", Nr. 88 vom 30. November 1927 habe ich schon auf diese Seite des Falles Therese Neumann hingewiesen. So begann ich zu Weihnachten 1927, wo ich die Zeit vom 24. Dezember 1927 bis zum 6. Januar 1928 in Konnersreuth verbrachte, mit planmäßigen Aufzeichnungen und Untersuchungen über die Lebensschicksale von Therese Neumann.

Ich bin seitdem noch oft in Konnersreuth gewesen, so daß eine Zusammenrechnung der Tage die Zeitspanne von rund 5 Monaten ergibt. Darunter war ich einmal über sechs Wochen ununterbrochen dort. Ich habe von Anfang an bei allen Beteiligten das größte Entgegenkommen gefunden, obwohl meine kritische Einstellung und meine Absicht, soweit als möglich das dortige Geschehen aufzudecken, ebenso bekannt war, wie meine Nichtzugehörigkeit zum Katholizismus. Dieses Entgegenkommen hat mir einen um so größeren Eindruck gemacht, als nach der peinlich genauen Art, in der ich zu untersuchen gewohnt bin, meine Arbeit für alle Beteiligten mit viel Belästigung und Zeitaufwand verbunden war. Herr Pfarrer Naber machte es sich zu einer ganz besonderen Pflicht, mir Aufenthalt und Arbeit in Konnersreuth so weit als möglich zu erleichtern. Er nahm mich beständig als Gast in seinem Hause auf. Ich hatte so schon gleich zu Beginn meiner Untersuchungen die Gelegenheit, Therese Neumann, die damals wegen der Bauvornahmen an ihrem Elternhause im Pfarrhof wohnte, sehr eingehend zu beobachten.

Aus diesen Studien in Konnersreuth ist eine herzliche Freundschaft mit dem Konnersreuther Kreis erwachsen. Das Vertrauen, das man mir schenkte, gab mir die Möglichkeit zu Einblicken, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Diese Freundschaft ist aber für mich nicht die Ursache der Ergebnisse meiner Untersuchung gewesen, sondern die wachsenden Ergebnisse der Untersuchung boten mir Grund und Ursache zur Freundschaft. Ich lernte einen Menschenkreis von ungewöhnlicher Wahrheitsliebe und einer Ehrlichkeit und Hingabe im religiösen Leben kennen, der mir steigende Anteilnahme abnötigte. Selbstverständlich wäre die Entstehung dieses Freundschaftsverhältnisses nicht möglich gewesen, wenn ich auf bewußte oder unbewußte Täuschungen gestoßen wäre. Wenn man lange Jahre im öffentlichen Leben verbracht und auch die vielen Enttäuschungen an Menschen durchgemacht hat, die damit verbunden sind, wird man mißtrauisch. Es war also so, daß in Konnersreuth nicht nur von mir erst das Vertrauen der anderen, sondern von den anderen auch Idas meine zu erringen war. Daß ich heute dieses Vertrauen besitze, brauche ich nicht zu verhehlen. Die folgende Arbeit gibt die Rechtfertigung meiner allmählich gewordenen Einstellung.

In Konnersreuth erfährt man vielerlei von Therese Neumann, wenn sie im gewöhnlichen Bewußtseinszustand ist. Man erhält aber auch manchen Auf chluß, wenn sie im Zustand der erhobenen Ruhe gewöhnlich Ekstase genannt spricht. So ist es auch mir ergangen. Auch über die Schicksale der Therese Neumann habe ich manches durch sie im Zustand der erhobenen Ruhe erfahren. Die Auskünfte, die ich erhielt, waren für mich stets der Gegenstand ganz besonders scharfer Nachprüfung. Denn hier mußte sich am ehesten und deutlichsten zeigen, was von den, Begebnissen in dieser Bewußtseinsform der Therese Neumann zu halten ist. Manche dieser Angaben widersprachen auf das weitestgehende jenen Auffassungen, die ich mir im Laufe meiner Untersuchungen von einzelnen Geschehnissen, im besonderen auch von solchen ihrer Krankheit, gemacht hatte. Es hat mich manchmal Wochen und Monate gekostet, diesen meiner anfänglichen Ansicht nach unrichtigen Erklärungen auf den Grund zu gehen. Denn ich hatte mich, bevor ich diese Arbeit aufnahm, niemals eingehender mit den hier in Frage kommenden Krankheitsvorgängen beschäftigt. Und ich habe dann jedesmal erlebt manchmal, wie gesagt, erst nach Monaten des Suchens , daß nach der wissenschaftlichen Spezialforschung der Irrtum bei mir und nicht in der Erklärung aus dem erhobenen Ruhezustand der Therese Neumann • lag. Ich habe ferner in mehr als einem Falle am eigenen Leben erprobt, daß die Voraussagen, die mir durch Therese Neumann in diesem Zustand wurden, sich gegen alles Erwarten verwirklichten. Manchmal geschah dies überraschend schnell, manchmal erst nach längerer Zeit. Unter ihnen befanden sich auch solche, denen gegenüber ich ihr in dem betreffenden Gespräch erklärt hatte, daß ich ihre Verwirklichung für ganz unmöglich halte. Ich wäre in meinem Leben der letzten eineinhalb Jahre vor manchem schweren Schaden bewahrt geblieben, wenn ich diese Erklärungen immer gleich als richtig angenommen und darnach gehandelt hätte. Ich habe es aber in vielen Fällen nicht getan und dann erleben müssen, daß die Vorhersagen im erhobenen Ruhezustand der Therese Neumann voll eintrafen.

Die große Zahl solcher Erfahrungen und das Ergebnis kritischen Forschens geben mir den Mut, diese Arbeit zu veröffentlichen. Ich habe ihr ein Geleitwort mitgegeben Amicus Plato, magis amica veritas Lieb ist mir die platonische Philosophie, lieber ist mir die Wahrheit. Das Wort trifft die geistige Lage des Verfassers. Ich kam nach Konnersreuth als Mann von fast fünfundvierzig Jahren, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahre sich am öffentlichen Leben seines Vaterlandes tätig beteiligt und schließlich auch manche Gedanken über die Natur, die uns umgibt und von der wir ein Teil sind, ferner über Sinn und Zweck des Lebens gemacht hatte, so daß ich sagen konnte, ich hatte mir eine Weltanschauung errungen. In dieser Weltanschauung hat manches, was ich bei Therese Neumann erlebte oder erforschte, keinen Platz. Das war für mich ein Grund mehr, recht lange und so vorsichtig und mißtrauisch als möglich diese Geschehnisse zu prüfen.

Ich lege im folgenden das Ergebnis dieser Prüfung vor. Wie meine Weltanschauung sich damit abzufinden vermag, steht hier nicht zur Erörterung. Hier handelt es sich um die Tatsachen des Lebens der Therese Neumann. Wissenschaftliches Forschen sogenannte objektive oder neutrale Wissenschaft hat meines Erachtens sich nur von einem einzigen Gedanken leiten zu lassen, und der heißt für jede Weltanschauung: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden."

Der Umfang, zu dem der Stoff im Verlaufe der Forschung allmählich anwuchs, zwang zu einer Teilung in zwei Bände. Der erste Band enthält die Lebensgeschichte der Therese Neumann. Im zweiten Bande: Die Glaubwürdigkeit der Therese Neumann, lege ich einen Bericht über jene Untersuchungen vor, auf Grund deren ich die in der Lebensgeschichte mitgeteilten Vorgänge für gesicherte Tatsachen halte. In ihm findet der Leser außerdem die Begründung meiner Auffassung, daß die Erscheinungen seit der Heilung der Blindheit der Therese Neumann nicht natürlich erklärbar sind.

München, den 6. August 1929

Dr. phil. Fritz Gerlich

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort *

Die Lebensgeschichte der Therese Neumann *

Der Markt Konnersreuth *

Die Jugend *

Der Unfall beim Brand am 10. März 1918 *

Nach dem Brandunfall *

Der Unfall auf der Kellerstiege anfangs April 1918 *

Im Waldsassener Krankenhaus vom 23. April bis 10. Juni 1918 *

Der Sturz von der Leiter- im elterlichen Stadel um den 1. August 1918 *

Arbeitsversuche und Unfälle vom August bis zum Oktober 1918 *

Der Sturz am Kirchweihsamstag, dem 19. Oktober 1918 *

Der Eintritt der völligen Bettlägerigkeit und der Winter 1918/19 *

Die Erblindung am 17. März 1919 *

Von der Erblindung bis zu deren Heilung am 29. April 1923 *

Die Heilung von der Blindheit am 29. April 1923 *

Von der Heilung der Blindheit bis zu der Lähmung am 17. Mai 1925 *

Die Heilung der Rückgratsverrenkung am 17. Mai 1925 *

Von der Heilung der Rückgratsverrenkung bis zur Blinddarmentzündung am 7. November 1925 *

Die Heilung der Blinddarmentzündung am 13. November 1925 *

Von der Heilung der Blinddarmentzündung bis zur ersten Stigmatisation zu Ostern 1926 *

Der Bericht des Pfarrers Naber vom 15. und 17. April 1926 *

Von Ostern 1926 bis zu dem Auftreten von Kopfwunden am 19. November 1926 *

Weihnachten 1926 *

Das Jahr 1927 *

Schauungen *

Die fünfzehntägige Bewachung der Therese Neumann im Juli 1927 *

Über die Nahrungsaufnahme *

Über die Ausscheidungen *

Gewichtsverhältnisse *

Die öffentliche Erörterung des Falles Therese Neumann *

Meine ersten Erlebnisse in Konnersreuth *

Die Bewußtseinsformen der Therese Neumann . *

Weihnachtsschauungen *

22. Dezember 1927 Die Schauung der Abreise von Nazareth *

23. Dezember 1927 Auf der Reise nach Bethlehem *

24. Dezember 1927 Die Ankunft in Bethlehem *

Die Geburt Christi *

Mettenamtes *

25. Dezember 1927. *

26. Dezember 1927 Die Schauung der Verurteilung und Steinigung des Stephanus *

Am 27. Dezember 1927 *

Tod des Apostels Johannes. *

Am 28. Dezember 1927 *

Ermordung der bethlehemitischen Kinder. *

Tod des hl. Franz von Sales. *

Das Jahr 1928 *

Schauungen *

Am 6. Januar 1928 hatte Therese Neumann die Schauung der Heiligen Drei Könige. *

Das Stigmenbluten am Karfreitag 1928 *

Besuche und Hausgartenanlage *

Das Jahr 1929 *

Schauungen *

Neue Erscheinungen *

Die Sühneleiden *

über Voraussagen der Therese Neumann *

Ich lege nun den Bericht über einige Erlebnisse vor *

Zu Therese Neumanns Wesen *

 

Die Lebensgeschichte der Therese Neumann

Der Markt Konnersreuth

Konnersreuth ist ein kleiner Marktflecken von 952 Einwohnern. Die Siedlung gruppiert sich um den Marktplatz, auf dessen einer Seite die Kirche steht. Am Marktplatz steht auch das Geburts- und Wohnhaus der Therese Neumann. Die Straße von Mitterteich nach Arzberg ist eigentlich die einzige Straße des Ortes. Der Ort liegt am Südabhang des Fichtelgebirges, und zwar am Abhang einer Anhöhe. In nächster Umgebung befindet sich kein Wald, sondern nur Felder und Wiesen. Die Ortseinwohner sind in ihrer Mehrzahl arm. Bauernwirtschaften mit sechzig und siebzig Tagwerk Grund gehören zu den größten. Selten haben sie Pferde. Das Hauptnahrungsmittel der Einwohner ist die Kartoffel. Ein Teil der Einwohner, der zumeist in eigenen Häusern lebt, besitzt einige Tagwerk Feld, die gewöhnlich die Frau bearbeitet, während der Mann zum Verdienen in eine der Fabriken der umliegenden Märkte und Städte es sind das Porzellan- und Glasfabriken oder in einen der Steinbrüche geht. Eine Bahn führt nicht nach Konnersreuth. Die nächste Bahnstation ist 6,2 km entfernt. Es ist das Waldsassen. Die beiden anderen, Mitterteich und Arzberg, liegen etwa einen Kilometer weiter. Heute geht ein Postautoverkehr von Arzberg über Konnersreuth nach Waldsassen und zurück. Entsprechend den beschränkten wirtschaftlichen Verhältnissen der Bewohner macht der Ort einen ärmlichen Eindruck. Die Kirche ist in bäuerlichem Barock gehalten und weist keine Besonderheiten auf. Der Markt unterscheidet sich in seinem Äußeren wenig von anderen ähnlich großen Fichtelgebirgsorten. Die ganze Gegend hat rauhes Klima; dem Boden müssen seine Erzeugnisse in harter Arbeit abgerungen werden. Deshalb sehen auch bereits die jüngeren Einwohner zumeist etwas zerarbeitet aus.

Bis zur Reformation gehörte Konnersreuth auch politisch zum Kloster Waldsassen, das ein Zisterzienser-Reichsstift war. Den wiederholten Religionswechsel von Teilen der nördlichen Oberpfalz hat auch Konnersreuth mitgemacht, da es unter den Pfalzgrafen bei Rhein stand, die die Schutzherren des Waldsassener Stiftslandes waren. 1556 wurde in Konnersreuth die Reformation eingeführt. Als Herzog Maximilian 1. von Bayern, der spätere erste Kurfürst dieses Landes, die Oberpfalz als Ersatz für seine Kriegskosten im Kampf gegen Friedrich V. von der Pfalz, der durch die böhmischen Stände zum König gewählt worden war, erhielt, wurde Konnersreuth wieder katholisch und ist es bis heute. Die Einwohner wählen in der großen Mehrheit die bayerische Volkspartei. Das rund 7 km entfernte Arzberg aber blieb protestantisch. Die wirtschaftlichen Beziehungen des Ortes weisen zum Teil nach dem nahen Böhmen, insbesondere nach Eger, wenn sie auch nicht sehr lebendig sind, denn der Markt führt heute noch ein Leben der Zurückgezogenheit.

Die Jugend

Das Geburtshaus der Therese Neumann am Marktplatz zu Konnersreuth trägt heute die Hausnummer 12. Für die Ortseingesessenen ist es das Schneiderixenhaus. Deshalb heißen seine Bewohner, die nach alter bayerischer Sitte nicht mit ihren Familien-, sondern mit den Hausnamen bezeichnet werden, die "Schneiderixen" unter Zusatz des jeweiligen Vornamens. Therese Neumann war also viele Jahre ihres Lebens einfach die Schneiderixenresl. Der Hausname entstand folgendermaßen: das Anwesen, das bis zum Sommer 1927 aus einem einstöckigen, spitzgieblig gedeckten Haus mit Stall und angebautem Schuppen bestand, früher aber erheblich größer war, hielt einst Das "Schiöchenhaus", offenbar eine dialektische Verderbung aus Schergen. Denn es war das Polizeigebäude. Der bayerische Staat verkaufte es später an einen Schneider namens Felix Neumann, den Großvater des jetzigen Besitzers Ferdinand Neumann, des Vaters der Therese Neumann. So wurde ein Schneider mit Vornamen Felix der Besitzer. Aus Schneider-Felix entstand durch Abkürzung im Volksmund Schneiderix, mithin der Hausname Schneiderixenhaus. Im Jahre 1868 brannte das Gebäude ab. Der Besitzer mußte für den Neubau Geld aufnehmen und konnte das Anwesen nur in dem kleinen, bis zum Jahre 1927 bestandenen Umfang wieder aufrichten. In diesem Jahre ließ der jetzige Besitzer im Dachgeschoß einen von vorn nach hinten gerichteten Giebel errichten.

Aus der Geschichte der Familie ist nichts Besonderes zu berichten. Die Familienvorstände übten im Erbgang vom Vater auf den Sohn das Schneidergewerbe aus und betrieben nebenher eine kleine Landwirtschaft. Früher gehörten dazu zehn Tagwerk Grund. Der jetzige Besitzer hat drei dazuerworben. Der Viehstand zählte regelmäßig vier Kühe, die auch als Zugtiere dienen. Da Professor Ewald erklärte, daß ihm brieflich von einer die Familie angeblich gut kennenden Seite mitgeteilt wurde, daß mancherlei psychopathische Abwegigkeiten in der weiteren und näheren Verwandtschaft vorgekommen seien (Münchener Medizinische Wochenschrift, 1927, Heft 46, S. 1981), habe ich auch in dieser Hinsicht Erkundigungen eingezogen. Im Gerede der Leute scheint einmal eine Schwester des Vaters der Therese Neumann namens Katharina, die "Schneiderxenkathl", gestanden zu haben. Sie war an einem Arm "etwas bresthaft" und ist ein "sehr braves, frommes und fleißiges "Leut" gewesen. Von Beruf war sie Näherin. Einmal, als sie abends bei Licht nähte, fiel dieses um und verursachte einen kleinen Zimmerbrand. Auch verbrannte sie sich selbst dabei nicht unerheblich. Das gab Anlaß zu dem Gerücht, sie habe das Haus in Brand stecken wollen, sie "spinne" also wie der Volksmund Menschen kennzeichnet, die irgendwie absonderlich erscheinen. Außer ihrem frommen Leben und dem besagten Unfall mit dem Licht ließ sich aber nichts Positives ermitteln. Die sehr allgemein gehaltenen Angaben Ewalds geben leider der Nachforschung keine Anhaltspunkte. Übrigens erklärt Professor Ewald selbst, er könne sich nicht für seine Angaben verbürgen.

Der Vater der Therese Neumann, der Schneider Ferdinand Neumann, ist am 16. Juni 1873 zu Konnersreuth geboren. Ihre Mutter Anna, geb. Grillmeier, erblickte als Tochter eines Bauern am 23. Oktober 1874 zu Neudorf, Pfarrei Konnersreuth, das Licht der Welt. Der Vater ist groß, schlank und zeigt den alpinen Typus, d. h. der Schädel ist schmal, das Gesicht scharf geschnitten und die Haare sind ursprünglich schwarz gewesen. Heute sind sie grau. Die Mutter ist erheblich kleiner, von untersetztem Typus und mehr breitem, nicht scharf geschnittenem Gesicht. Ihre Haare sind braun. Sie ist heute ausgesprochen korpulent. Beide Eltern sind kräftig und waren in ihrem Leben wenig krank.

Die Ehe von Ferdinand und Anna Neumann war mit elf Kindern gesegnet

1. Therese Neumann, geb. 9. (?) April 1898;

2. Maria Anna Neumann, 19. Juni 1899;

3. Anna Neumann, verh. Härtl, 6. Juli 1900;

4. Engelbert Neumann, 30. Okt. 1901 (gestorben);

5. Ottilie Neumann, 14. Dez. 1902;

6. Engelbert Neumann, 11. Juni 1904;

7. Kreszenz Neumann, 31. März 1906;

8. Augustin Neumann, 13. Aug. 1907;

9. Agnes Neumann, 2. Juni 1909;

10. Ferdinand Neumann, 24. April 1911;,

11. Johann Neumann, 28. Juli 1912.

Sämtliche Kinder sind in Konnersreuth geboren und getauft. Das vierte ist jung gestorben, alle anderen leben noch. Verheiratet ist nur die Tochter Anna, und zwar an einen Konnersreuther Einwohner, namens Joseph Härtl, der dort ein kleines Haus mit vier Tagwerk Grund besitzt. Die Landwirtschaft wird von der Frau ausgeübt. Der Mann ging früher zur Arbeit in eine Fabrik der Umgebung. Zur Zeit betreibt er mit eigenem Lastauto ein Transportgeschäft. Dieser Ehe entsprossen bisher vier Kinder, ein Knabe Joseph, ein Mädchen Therese und Zwillinge, die bald starben.

Therese Neumann ist das erste Kind ihrer Eltern. Die genaue Zeit ihrer Geburt wird in dem standesamtlichen und in dem Geburtsregister des katholischen Pfarramtes Konnersreuth verschieden angegeben. Der Eintrag beim Standesamt lautet: "Nr. 12. Konnersreuth, 13. April 1898. Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der. Schneider Ferdinand Neumann, wohnhaft zu Konnersreuth, Haus-Nr. 12, kath. Religion, und zeigte an, daß von der Anna Neumann, geb. Grillmeier, seiner Ehefrau, kath. Religion, wohnhaft bei ihm, zu Konnersreuth in seiner Wohnung am 9. April 1898, vormittags um ein Uhr ein Kind weiblichen Geschlechtes geboren worden sei, welches den Vornamen Theresia erhalten habe. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: (gez.) Ferdinand Neumann. Der Standesbeamte: (gez.) Kutzer". Der Eintrag in das Geburtsregister der Pfarrei Konnersreuth lautet für das Jahr 1898 "Nr. 7. Neumann Theres; Hebamme: Mühlfenzl; Vater: Ferdinand Neumann; Stand des Vaters: Schneider; Aufenthaltsort usw.: Konnersreuth; Name der Mutter: Anna, geb. Grillmeier; Stand der Mutter: Bauerstochter aus Neudorf; Zeit der Geburt: 9. April früh 121/4 Uhr; Tauftag: 10. April; Pfarrer: Ebel ; Taufzeugen: Forster Theres von Waldsassen". Die Geburtszeiten im Standesamts- und im Pfarregister entsprechen sich also nicht. Die Mutter der Therese Neumann bezeichnet beide Zeitangaben als falsch. Sie erklärt, Therese sei schon am 8. April 1898, einem Karfreitag, kurz vor zwölf Uhr nachts geboren. Im erhobenen Ruhezustand der Therese Neumann wurde die Zeitangabe ihrer Mutter bestätigt. Thereses Tauftag, der 10. April 1898, ist der Ostertag dieses Jahres. Ihre Patin ist die an den Haus- und Krämereibesitzer Engelbert Forster in Waldsassen verheiratete Schwester ihres Vaters, namens Therese. Ihre Namenspatronin ist die hl. Theresia a Jesu, die sogenannte große, spanische Therese; ihr Namenstag ist der 15. Oktober.

Von Kinderkrankheiten der Therese Neumann wird wenig berichtet. In den ersten beiden Lebensjahren hat sie Würmer gehabt und deshalb Wurmsamen als Medizin erhalten. Sie war während der Dauer dieses Leidens etwas unruhigen Wesens. Nach Abtreibung der Würmer legte sich dieses. Andere Kinderkrankheiten, wie Masern, Scharlach und Diphtherie, hat sie nicht gehabt. Sie ist bis zum 10. März 1918 nie ernstlich krank gewesen. Nur im Jahre 1914 erlitt sie einmal bei Erdarbeiten einen Unfall. Sie drehte sich die eine Hüfte aus. Im Waldsassener Krankenhaus wurde die Verrenkung völlig behoben.

Als Therese Neumann das dritte Lebensjahr erreicht hatte, kam sie für einige Zeit zu ihrer Patin nach Waldsassen, die in kinderloser Ehe lebt. Pfarrer L. Witt berichtet in seinem Buche: Konnersreuth im Lichte der Religion und Wissenschaft, I. Teil, 1. und 2. Auflage, Waldsassen 1927, ausführlich, was ihm über diese Zeit erzählt wurde. Darnach war Therese ein wohlerzogenes, lebhaftes und anstelliges Kind. Eine Photographie von ihr aus der Zeit, als sie etwa 3 Jahre alt war, ist erhalten. Witt erzählt, welche Freude es ihr bereitete, als das Christkind ihr im Forsterschen Hause die erste "Dockn" (Puppe) brachte. Therese Neumann erinnert sich dessen noch sehr gut; die Freude war zunächst groß, denn es war die erste Puppe, die sie sah. Sie gestand mir aber, daß das Vergnügen daran nur zwei Tage anhielt. Als der Reiz der Neuheit vorüber war, entdeckte sie im Bauch der Puppe Sägespäne und zerschlug sie darauf an einem Tischfuß, da es ihr "zu fad" war, mit ihr zu spielen, "weil sie kein Leben hatte". Auch mit den Puppen der Schwestern hat sie nie spielen mögen. Sehr zum Schmerze der Forsterschen Eheleute, die Therese gern dauernd bei sich behalten hätten, holten die Eltern ihre älteste Tochter bald wieder nach Hause zurück, da sie sich nicht von ihr zu trennen vermochten.

Die Verhältnisse, in denen Therese daheim aufwuchs, waren äußerst beschränkt. Der Vater hatte das Anwesen stark belastet übernehmen müssen. Die Schulden vom Neubau nach dem Brand vom Jahre 1868 standen noch größtenteils darauf. Es gehörte rastloser Fleiß und größte Sparsamkeit des jungen Ehepaares dazu, seinen Schuldverpflichtungen nachzukommen und die sich, rasch mehrende Familie zu ernähren. Wie ärmlich die Verhältnisse waren, läßt sich aus folgendem Erlebnis der Therese Neumann ermessen. Als sie in den Dienst eingetreten war, sah sie, wie ihre Dienstherrin die Brotsuppe mit Butterschmalz abschmälzte. Sie meinte, die Frau habe irrtümlich das Schmalz an die Suppe getan, und erzählte beim nächsten Besuch im Elternhause ihrer Mutter diese Wahrnehmung. Die Mutter aber belehrte sie, daß die Brotsuppe eigentlich so angerichtet werden müsse. Sie selbst hätte es nur nicht tun können, da sie zu arm dazu gewesen seien. Therese solle aber darüber vor den Leuten schweigen, da ihre Eltern sich sonst schämen müßten.

Wenn der Vater eine Schneiderarbeit fertiggestellt hatte, und die Kinder sie den Kunden brachten, so erhielten sie hin und wieder ein paar Pfennige für die Besorgung. Diese wurden aber nicht vernascht, sondern gewissenhaft und freudig in ein Fach der väterlichen Nähmaschine getan. War dann einmal gar kein Geld im Hause, was öfters vorkam, so versammelte sich die Familie um diese Sparkasse, das Fach wurde feierlich geöffnet, sein Inhalt von 30 oder 40 Pfennigen erhoben und im Haushalt verwandt. Die Kleinen waren sehr stolz darauf, auf diese Weise zum Unterhalt der Familie beitragen zu können. Eines Kirchweihfestes vermag sich Therese noch gut zu erinnern Dompfarrer Geiger-Bamberg hat das Erlebnis erstmals berichtet wo wieder einmal gar kein Geld im Hause war. Geiger schreibt : "Es war einmal Kirchweih, Kirchweih im weltentlegenen Markt, das Fest der Feste auf der heimatlichen Scholle. Die Neumannskinder, das ganze Jahr von Kartoffeln und Brot lebend, durften auf einen Kirchweihschmaus hoffen. Der Vater stellte einen Rock fertig für einen begüterten Bauern. Vom Erlös kann man Mehl und Schmalz kaufen; dann backt die Mutter Kirchweihkrapfen! Das Stück wird abgeliefert, doch siehe da, der reiche Bauer frägt nicht einmal nach der Schuldigkeit, und, um die Kundschaft nicht zu verlieren, zieht Neumann stillschweigend, aber bekümmerten Herzens ab. Was tun, um den hoffenden, hungernden Kindern den Kirchweihbraten zu ersetzen? Die Mutter kocht einen Topf Mehlspatzen und gibt zum Fest geschmalzte Zwiebel auf die Kartoffeln; eine brave, alte Frau der Nachbarschaft schenkt einen Laib Brot, niemand sonst erfährt von der Armut der zwölfköpfigen Familie, und es wird fröhlich Kirchweih gefeiert". (Th. Geiger, Die Stigmatisierte von Konnersreuth. München, S. 46). Trotz der mehr als mageren Kost aber entwickelte sich Therese Neumann, die eine starke Esserin war, ebenso wie die anderen Kinder gesund und recht kräftig.

Therese Neumanns Eltern sind von jeher fromme Katholiken gewesen, die ihren kirchlichen Pflichten gewissenhaft und mit innerer Freudigkeit nachkommen. Politisch bekannte sich der Vater früher zum bayerischen Zentrum, jetzt zur bayerischen Volkspartei. Doch ist er politisch nie aktiv tätig gewesen. Zwar wird berichtet, er habe in der christlichen Bauernvereins- und landwirtschaftlichen Genossenschaftsbewegung, die Dr. Georg Heim ins Leben rief, zu dessen ältesten Mitarbeitern gehört. Dr. Heim war bekanntlich Reallehrer im nahen Wunsiedel; seine Tätigkeit als landwirtschaftlicher Organisator ging mit von Konnersreuth aus, wo er so ziemlich am ersten Anklang fand. So sind in der Tat Konnersreuther Bürger, wie der damalige Besitzer des Gasthofs Schiml, der jetzige Ökonomierat und frühere langjährige Landtagsabgeordnete Schiml, und andere auch ein Neumann - in den Reihen seiner ältesten Anhänger zu finden. Dr. Heim hat mir einmal selbst von gemeinsamer Tätigkeit mit dem Vater der Therese Neumann erzählt. Die Nachprüfung aber ergab, daß hier eine Verwechslung offenbar mit dem Wirt Max Neumann vorliegt, der später der Arbeitgeber der Therese Neumann wurde und am 4. März 1922 im Alter von 82 Jahren starb. Auf ihn treffen die Heimschen Angaben zu.

Die Erziehung, die die Eltern ihren Kindern zuteil werden ließen, war eine streng-christliche. Die Kinder wurden sehr früh daran gewöhnt, den Eltern aufs Wort zu gehorchen. Sie wurden aber auch gerecht behandelt, keines wurde dem anderen vorgezogen. Die Eltern suchten die Kinder möglichst unter ihren Augen aufwachsen zu lassen. Dem Herumspielen mit Altersgenossen in fremden Häusern wehrten sie; ebenso dem Herumlaufen auf der Straße. Therese Neumann berichtete, sie seien in großem Respekt vor den Eltern aufgewachsen. Meist habe es genügt, daß der Vater sie streng ansah, um sofort Folgsamkeit zu erzielen, wenn sie einmal unartig oder ungehorsam waren. Doch habe es das nicht oft gebraucht. Zur rechten Zeit hätten sie Schläge erhalten. Für kindliche Spiele blieb nicht viel Zeit. Denn jedes Kind mußte sich nützlich machen, sobald seine jungen Kräfte es gestatteten. In der Kirche achtete der Vater genau darauf, ob seine Kinder auch andächtig wären. Bemerkte er von seinem Platz auf der Empore aus, daß eines schwätzte, so mußte es zu Hause nach der Kirche auf Holzscheiten knien und Rosenkranz beten. Therese erzählt, daß ihre jüngeren Schwestern Anna und Ottilie öfters dieser Strafe verfielen, Marie und sie selbst aber nicht.

Die kleine Therese fügte sich gern und willig in diese strenge, aber auch gütige Erziehung. Die Armut drückte sie nicht. Wenn sie heute erzählt, wie mit dem Heranwachsen und Selbstverdienen der Ältesten die Verhältnisse etwas weniger eng wurden, wenn sie auch eng genug blieben, so kommt ihr bei der Schilderung der Freudigkeit, mit der alle Familienmitglieder die gemeinsame Not trugen, immer wieder über die Lippen: Ach, war das schön. Auf die Zeit ihres Aufenthaltes in Waldsassen bin ich schon zu sprechen gekommen. Auch auf ihr Verhältnis zu Puppen. Kinderbälle zum Spielen kamen erst für die jüngsten Geschwister ins Haus. Ihre Lieblingsbeschäftigung war, Bilderbücher zu betrachten, vor allem aber Pflanzen zu pflegen. Sie begann damit, die Tassen der Mutter zu nehmen und ihnen die Henkel abzuschlagen, damit sie Blumentöpfen ähnlicher sähen. Dann setzte sie in sie kleine Pflänzchen ein. Mit dieser Behandlung der Tassen bereitete sie allerdings der Mutter keine Freude, und sie mußte sich andere Gelegenheiten zum Pflanzen suchen. Bald aber wurde sie dazu angelernt, die jüngeren Geschwister zu warten. Auch arbeitete sie gern im Hause, kehrte die Stube, wusch den Zimmerboden und die Windeln. In jener Zeit, als sie schon in die Schule ging, machte es ihr eine besondere Freude, die Wäsche zu waschen. Kam die Mutter abends von der Feldarbeit heim, so zeigte sie ihr mit Stolz die Stange voll aufgehängter Windeln und zählte - sich selbst lobend, wie sie lächelnd gesteht - die vollbrachten Arbeiten auf.

In der Schule lernte Therese Neumann eifrig. Sie wurde von den Eltern zu Hause außerdem noch zu den Schularbeiten angehalten. Der Vater besonders sprach gern mit seinen Kindern abends, während er nähte, die Aufgaben durch. Ihr Entlassungszeugnis aus der Sonntagsschule möge hier im Wortlaut folgen.

Entlassungszeugnis der Sonntagsschule für Neumann Theresia, geb. am 9. März (1) 1898 zu Konnersreuth,

Bez.-A. Tirschenreuth.

Religion: kath.

Heimat: Konnersreuth

Name des Vaters: N. Ferdinand

Beruf des Vaters: Schneider

Erster Eintritt in die Werktagsschule am 1. Mai 1904 zu Konnersreuth

Entlassung aus der Werktagsschule am 1. Mai 1911 zu Konnersreuth

Bemerkungen: Die Schülerin hat die Sonntagsschule und den damit verbundenen Religionsunterricht vom 1. Mai 1911 bis zum 1. Mai 1914, sohin 3 Jahre und zwar zuletzt in Konnersreuth mit sehr großem Fleiße besucht, ein sehr lobenswürdiges Betragen gepflogen und sich folgende Noten erworben

Religionslehre : Sehr gut

Sachunterricht : Sehr gut

Lesen: Fast sehr gut

Aufsatz: Gut

Rechnen: Fast sehr gut

Schönschreiben: Gut

Fortgangsnote: I. sehr gut.

Die Schülerin ist mit Aushändigung dieses Zeugnisses .aus der Sonntagsschule entlassen und hat ihrer allgemeinen Schulpflicht Genüge geleistet.

Konnersreuth, am 30. April 1914.

Der K. Distriktsschulinspektor (gez.) Baeuml.

Der K. Lokalschulinspektor (gez.) Naber.

Die Lehrerin(S.) (gez.) Käthe Stiefanger.

Ausgehändigt am 3. Mai 1914.

Die Freude anderer Kinder an Märchen hat Therese Neumann nie geteilt. Als ihr der Vater einmal das Märchen vom Schlaraffenland erzählte, erhob sie eifrig dagegen Einspruch. Das könne nicht wahr sein. Denn wenn es wahr wäre, würden alle Menschen ins Schlaraffenland wandern. Schon im ersten Schuljahr "war's ihr fad", wenn die Lehrerin Märchen erzählte, und sie dachte bei sich, "was wird denn dies für eine Lüg' sein?" Therese versicherte mir lebhaft, sie habe nie "etwas Zusammengedichts", nie Romane oder Kalendergeschichten, gelesen. Wahre Geschichten dagegen, also Lebensgeschehnisse, habe sie gern gehört. In der Jugend las sie vor allem den kleinen Katechismus, das Gebetbuch und die Schulbücher. Später, nach der Feiertagsschule, bestand ihre Lektüre vorzugsweise in dem Jungfrauengebetbuch, der katholischen Zeitschrift "Notburga" für Dienstmädchen, der Zeitschrift "Rosenhain", die zur Verehrung der kleinen Therese vom Kinde Jesu gegründet war, der "Handpostille oder christkatholische Unterrichtungen auf alle Sonn- und Festtage des ganzen Jahres" von Leonhard Goffine, die Auslegungen der Episteln und Evangelien und Erklärungen der kirchlichen Gebräuche enthält; ferner der "Philothea, einer Anleitung zum gottseligen Leben" von Franz von Sales. Auch studierte sie eifrig zwei Blumenpflegebücher; denn ihre Liebe zu Blumen war - wie gesagt schon damals groß. Heiligenlegenden las sie nur wenig.

Das religiöse Leben, das Therese Neumann umgab und in das sie hineinwuchs, war ein ausgesprochen christliches. Doch wurden die Kinder nicht zur Bigotterie, sondern zu einer im Leben Kraft und Halt verleihenden Frömmigkeit erzogen. Auch heute noch ist der ganzen Familie Neumann Bigotterie völlig fremd, vielmehr eine maßvolle Lebensfreudigkeit eigen. Therese Neumann zeigte nach übereinstimmenden Angaben auch denen ihres Seelenführers Pfarrer Naber, der seit dem 15. Sept. 1909 in Konnersreuth amtiert niemals ein über die gewohnte Frömmigkeit der überzeugten Katholiken hinausgehendes religiöses Verhalten. Am 18. April 1909 kommunizierte sie zum erstenmal. Die Frage, ob bei ihr, wie bei mancher anderen Stigmatisierten, sich schon in der Jugendzeit außergewöhnliche Erscheinungen eingestellt haben, muß noch offen bleiben. Daß sie mit großem Eifer am Religionsunterricht teilnahm, wird auch durch die Tatsache erwiesen, daß sie sich für die Feiertagsschule das, was sie im Religionsunterricht gehört hatte, daheim schriftlich ausarbeitete. Leider wurden die Hefte, in denen sie ihre Gedanken eingetragen hatte, anläßlich des Umbaus des elterlichen Hauses, im Herbst 1927, als überflüssiger Ballast verbrannt.

Der Haushalt der Eltern zog Therese Neumann schon sehr früh eigentlich von dem Zeitpunkt an, wo sie sich nützlich machen konnte zur Mitarbeit heran, wie es bei Kindern, die in kleinen landwirtschaftlichen Anwesen aufwachsen, üblich ist. Die große Familie und die bedrängte Lage zwang, darauf zu sehen, daß die Kinder möglichst früh mitverdienten. Bereits im letzten Halbjahr der Werktagsschule (1910-1911) mußte sie nachmittags von 1 Uhr ab auf das etwa eine Viertelstunde entfernte Schloß Fockenfeld (mit etwa 300 Tagwerk Grund) zur Arbeit gehen. Sie war, wie sie erzählt, sehr erfreut darüber, daß sie ihrem Vater jeweils 60 Pfennig Lohn für den Halbtag abliefern konnte.

Mit 14 Jahren (1912) taten die Eltern sie in den Dienst auf das Kounlenzen-Anwesen in Konnersreuth (Nr. 6), wie das Schankwirtschafts- und Ökonomieanwesen des damals schon betagten Max Neumann an der Waldsassener Straße mit Hausnamen heißt. Das Anwesen zählt zu den großen in Konnersreuth. Es gehören zu ihm ein großes Haus an der Straße, ein Stall mit 16-17 Stück Vieh, darunter bis zu 6 Ochsen, ein Schuppen, eine Kegelbahn und ein Garten und außerhalb des Ortes an die 60 Tagwerk Feld, Wiesen und Wald. Zur Zeit, als Therese Neumann dort in Dienst trat, führte Max Neumann noch zusammen mit seiner Frau die Wirtschaft. Anfangs ihrer Dienstzeit übergab er es an seinen 1871 geborenen unverheirateten Sohn Martin Neumann. Den Eltern der Therese Neumann war es sehr willkommen, daß ihr ältestes Kind und dann noch Maria, die ebenfalls beim "Kounlenzen", und zwar schon mit 13 Jahren, eintrat in Konnersreuth selbst Dienst fanden. Denn sie blieben so weitgehend unter ihrer Aufsicht. Während des Krieges trat auch die Tochter Anna dort ein.

Die Dienstherrschaft, der Therese Neumann führte ein christliches Haus. An Arbeitsleistung aber konnte ihr nicht leicht Genüge geschehen. Der Dienst war ausgesprochen streng, vor allem, als der Krieg ausbrach und Martin Neumann ebenso wie der Knecht 1916 zum Heeresdienst eingezogen wurde. Therese Neumann schreckte vor diesen starken Anforderungen jedoch nicht zurück, denn sie war arbeitsfreudig und hatte sich noch dazu so kräftig entwickelt, daß sie z. B. einen Getreidesack von 11/2 Zentner Gewicht ohne abzusetzen über fünf Stiegen auf den Hausboden tragen konnte. Ihr vor allem fiel daher später auch die Männerarbeit zu. Sie pflügte, säte mit der Maschine und besorgte die Fuhren. An Lichtmeß, dem 2. Febr. 1917 wurde sie deshalb als Ochsenknecht angestellt.

Therese Neumann erzählte mir, daß ihr Männerarbeit immer viel mehr Freude gemacht habe, als Frauenarbeit. Stricken, Nähen usw. habe sie j a gelernt und betrieben, für. feinere Frauenarbeit wie Häkeln, Sticken habe sie jedoch nie Interesse gehabt, auch nicht fürs Kochen. Waschen und Putzen sei ihr schon viel lieber gewesen. Deshalb sei ihrer Schwester Marie der Posten der Köchin im Diensthause zugefallen. Sie, Therese, habe stets gern gearbeitet und nie unbeschäftigt sein können. Aber die Arbeit habe sie erst dann richtig gefreut, wenn es "heiß zugegangen" sei und soviel Arbeit vorgelegen habe, daß man sozusagen mit beiden Armen hätte hineingreifen können, vor allem wenn das Wetter schön war und man auf dem Felde arbeiten konnte. "Aufs Feld hab' ich mich immer gefreut", berichtete sie wörtlich. War aber schlechtes Wetter, so daß man nur im Hause arbeiten konnte, so war sie nicht in der richtigen Stimmung. Auch die Härte der Arbeit störte sie nicht, denn sie war nicht wehleidig. Einmal trat sie sich auf einem Stoppelfeld einen scharf abgeschnittenen Halm in den Vorderteil des Fußes. Sie stieß ihn einfach durch den Fuß durch, suchte sich an einer nahen Tanne Harz und verstrich damit die beiden Wundöffnungen.

War die Herbstbestellung besorgt und die Ernte ausgedroschen, so ging man an das Einebnen der Wiesen. Der Wasen wurde abgehoben und die Buckel abgegraben. Mit der so gewonnenen Erde wurden die Vertiefungen ausgefüllt und der Wasen wieder sorgfältig daraufgebreitet. Dabei mußte der oft gefrorene Boden mit Eisenkeilen und Schlegeln, im Frühjahr mit dem Pickel bearbeitet werden. Auf Schlitten wurden die gefrorenen Erdballen fortbewegt. So hat Therese Neumann etliche Winter "planiert". Von dieser Arbeit erzählt sie noch heute mit besonderer Freude, obwohl sie sehr hart war. Denn sie brachte ihr manches reizende Erlebnis mit den Tieren des Feldes und Waldes. Im tiefen Winter, der in der kalten Fichtelgebirgsgegend viel Schnee mitzubringen pflegt, traten die Rehe öfters aus dem Walde heraus und ließen sich betrachten. Die Rebhühner und Hasen aber kamen sogar zutraulich heran, wenn man sie fütterte. Eine ausgesprochene Freude an der Natur, besonders am Kleinen besaß Therese Neumann schon in ihrer Jugend. Eine Blume mochte noch so klein sein, sie sah sie doch gern. Und junge Tiere liebte sie ebenso wie die kleinen Kinder. Sehr gern hatte sie schon damals und noch heute Singvögel. Nur gegen langhaarige nicht aber gegen Wolle tragende Tiere empfand sie von jeher Widerwillen. Deshalb gehörten Katzen nie zu ihren Freunden. Die Abneigung hat sich auch auf das langhaarige Pelzwerk übertragen, dessen Berührung ihr, wie ich selbst wiederholt sah, Widerwillen einflößt. Diese Erscheinung wird damit erklärt, daß ihre Mutter sich einmal an einem haarigen Tier sehr erschreckt hatte, als sie ihre Tochter Therese erwartete. Therese Neumanns Tierliebe ist aber nicht sentimental. Das Tier hat für sie Anspruch darauf, daß der Mensch es anständig behandle und nicht quäle. Aber es ist bestimmt, den Menschen zu erfreuen und ihm zu dienen, und zwar zur Arbeit und zur Ernährung.

Ihr Wirkungskreis im Wirtsanwesen selbst war vor allem der Viehstall. In der Schankwirtschaft half sie nur mit, wenn Außerordentliches zu tun war, z. B. wenn Versammlungen oder Tanzvergnügungen besondere Arbeiten verlangten. Hin und wieder ein Schluck Bier, wenn es recht heiß war und die Arbeit schwer, habe ihr, wie sie mir erzählte, recht gut geschmeckt, aber einen halben Liter habe sie nicht gezwungen. Auf den Tanz sei sie nie gegangen; dagegen habe sie auf dem Tanzboden des öftern einschenken müssen. Sie war aber keine Duckmäuserin; bei jedem nicht rohen Scherz war sie dabei.

So stand Therese Neumann schließlich mit zwei Schwestern Maria und, Anna im gleichen Dienst. Es ergab sich daher von selbst, daß sie die jeweils später Eintretende anlernte und die beiden Jüngeren betreute. Ihre früh entwickelte Charakterfestigkeit und Selbständigkeit, dazu ihr fast männlich energisches Wesen, befähigten sie auch dazu.

Natürlich fand Therese Neumann auch Bewerber, doch begegneten diese bei ihr keiner Gegenliebe. Einer von ihnen versuchte es einmal mit Gewalt. Sie aber sprang, als sie sich in Gefahr sah, kurz entschlossen vom Stadelboden mehrere Meter tief hinab auf die Tenne. Unverletzt lief sie davon. Der Bursche aber ließ daraufhin von ihr ab. Eines anderen Bewerbers erwehrte sie sich auf folgende Weise. Da er ihr trotz aller Abweisungen keine Ruhe ließ, bestellte sie ihn zu einem Stelldichein abends in der Dunkelheit. Sie selbst ging mit dem Ende eines Peitschenstiels bewaffnet dort hin. Als nun der Bursche erschien, schlug sie ihm den Peitschenstiel ein paarmal derart kräftig an den Kopf, daß ihm die Neigung zu ihr verging. Sie hatte sich nämlich als Beruf ausersehen, Missionsschwester zu werden. Sie wollte zu den "Schwarzen" und schaffte sich von ihrem Lohn nach und nach die Aussteuer an, die sie ins Kloster mitzubringen hätte.

Nur der Krieg verhinderte ihren Eintritt in den Orden. Weil der Vater im Felde war und die Familie den Verdienst der ältesten Tochter benötigte, verlangte die Mutter, daß diese bis zum Kriegsschluß warte. Sie hat auch zugesagt, sich aber gleichzeitig fest vorgenommen, sich über diesen Zeitpunkt hinaus nicht mehr von der Durchführung ihres Wunsches abhalten zu lassen.

Der Unfall beim Brand am 10. März 1918

Für Sonntag, den 10. März 1918 hatte Therese Neumann sich vorgenommen, zur Kommunion zu gehen. Sie stand deshalb schon kurz nach 5 Uhr morgens auf, um mit ihrer Früharbeit rechtzeitig fertig zu werden. Da damals in der Konnersreuther Kirche keine Frühmesse gelesen wurde, mußte sie bis zur Spendung der Kommunion, die um 8 Uhr zu geschehen pflegte, nüchtern bleiben. Ungefähr um 7 Uhr war sie mit dem Viehfüttern fertig und ging darauf in das Wohngebäude zurück. Sie befand sich gerade auf der Treppe nach dem Hof zu, als ihr Dienstherr Martin Neumann aus der Küche in den Hausgang heraustrat. In diesem Augenblick kam ein Nachbar, Christian Sölch, ins Haus, zog Martin Neumann zu der hinteren Treppe vor, von der man über den Hof blicken konnte und sagte, über diesen hinwegweisend: "Martin, schau einmal hinüber, was da ist" Dieser rief darauf: "Oh, oi, oi, Dies muß doch dem Schmied sein Stadel sein." Therese Neumann wandte sich nun in die gleiche Richtung und sah aus dem Dache des bezeichneten Stadels Qualm aufsteigen wie aus einem kleinen Schlot. Sowohl Neugierde, wie Sorge um das der Brandstelle naheliegende Elternhaus, als auch Lust zu helfen, da das Anwesen des Dienstherrn nicht gefährdet schien, veranlaßten sie, sofort in das Elternhaus zu eilen. Als sie auf die Straße trat, traf sie schon zahlreiche Männer und Frauen, die aufgeregt "Feuer!, Feuer!" schrien. Da schrie auch sie mit: "Feuer! Feuer! Beim Schmied brennt's!"

Im Elternhause fand sie den Vater, der erst am Tag vorher aus dem Heeresdienst in Urlaub gekommen war, noch schlafend im Bett. Sie weckte ihn mit den Worten "Vater! Geht's aussa, beim Schmied brennt's!" Dann eilte sie rasch weiter zur Brandstelle. Als sie in dem brennenden Stadel glühende Garben und Balken herunterstürzen sah, gruselte es sie - nach ihren eigenen Worten mir gegenüber - "wie Kindern, denen der Nikolaus begegnet". Sie griff aber sogleich nach ihrer Art tatkräftig zu, zog ein Kalb und ein Schwein aus dem Stall und führte sie über den Marktplatz in den gegenüberliegenden Gasthof zum Weißen Roß des Hugo Schiml. Auf dem Rückweg konnte sie die Straße zu ihrem Dienstplatz hinaufschauen. Da sah sie zu ihrer Überraschung, wie Leute zu diesem Anwesen eilten. Sofort lief sie auch dorthin. Dort räumte man gerade aus dem aus Holz errichteten Schuppen das. Heu aus, da der Wind sich drehte und direkt vom Brandplatz auf diesen zu stehen begann. Es war etwa 8 Uhr morgens. Ihr Dienstherr empfing sie mit den Worten: "Wo rennst denn umeinander?" Sie antwortete : "Beim Schmied war ich. Oi, sind da die brennenden Balken ummig'fallen", und wollte erzählen, was sie gesehen hatte. Martin Neumann aber herrschte sie an: "Wir sind selbst in der größten Gefahr! Angepackt jetzt!" Darauf dachte sich Therese Neumann, wenn dem so, sei, wäre es das Klügste, wenn sie erst ihre hauptsächlichsten Wertsachen, wenigstens ihr Sonntagsgewand und ihre beste Wäsche, in Sicherheit brächte. Sie holte sie von ihrer Dachkammer herab und trug sie, über die Straße in ein Nachbarhaus. Dann half sie aus dem gefährdeten Stadel Stroh ausräumen. Unterdessen griff das Feuer auf die Scheune des direkten Nachbargrundstückes des Wirtsanwesens über, die parallel zur Neumannschen hölzernen Kegelbahn stand. Dazu trieb jetzt der Wind glühende Fetzen Stroh und anderes gerade auf diese Kegelbahn selbst und den Schuppen zu, deren hölzerne Wände bereits Feuer fingen. Beide Gebäude zeigen noch heute Brandspuren. Das Gesinde und Nachbarn schleppten Eimer Wassers herbei, mit denen man die gefährdeten Wände von außen abgoß, solange die Hitze und das Funkenfliegen eine direkte Annäherung noch zuließen. Therese Neumann beteiligte sich an dieser Arbeit. Als aber das immer heftigere Feuer die Annäherung an die Schuppenwände ständig schwieriger machte, kam ihr der Gedanke, es sei am besten, wenn sich jemand auf den Dachboden des Schuppens begebe und die gefährdete Giebelwand von innen her mit Wasser angösse, damit das Holz feucht würde und weniger leicht anbrenne. Ihr Vorschlag wurde angenommen. Martin Neumann selbst kletterte durch die Lucke im Boden des Schuppens hinauf. Da zu dieser Lucke keine Stiege hinaufführt, wurde ein fester Hocker (ein Stuhl ohne Lehne), auf den man beim Ausschank die Bierfässer zu legen pflegte, aus der Wirtschaft geholt und in der Ecke zwischen Stall und Kegelbahn direkt unter der Lucke aufgestellt. Weil Therese Neumann besonders kräftig war, wurde ihr die Aufgabe, auf dem Stuhl stehend die vom Brunnen herbeigebrachten gefüllten Wassereimer dem oben auf dem Boden befindlichen Mann hinaufzureichen. Die Höhe von dem aus gestampfter Erde bestehenden Fußboden des nach dem Hof zu offenen, zum Einstellen von Wagen und Ackergeräten benutzten Erdgeschosses des Schuppens zu der Decke, in der sich die Lucke befindet, beträgt 2,70 bis 2,75 m. Die Hocker, wie sie in der Neumannschen Gastwirtschaft noch heute Verwendung finden, haben mit ihrer Sitzfläche eine Durchschnittshöhe von 50 cm. Therese Neumann maß ungefähr 1,65 m. Sie mußte also die Eimer noch möglichst weit über ihren Kopf hinaufheben, damit der Mann auf dem Dachgeschoß des Schuppens sie erreichen konnte. Sie faßte dabei die ihr von links hinten zugetragenen Wassereimer mit der rechten Hand am Henkel, mit der linken am Rand des Bodens. Bei dieser Arbeit wurde sie bald völlig durchnäßt. Doch war sie gegen den Funkenflug geschützt, auch konnte sie das Feuer selbst nicht mehr sehen.

Bei dieser Löscharbeit ging es natürlich genau so aufgeregt zu, wie stets in solchen Fällen, zumal wenn sich mit der längeren Dauer der Arbeit die Erschöpfung geltend macht. Auch Martin Neumann wurde durch das ständige Sichbücken und dann wieder Aufstehen zum Ausgießen der Eimer stark angestrengt. Er trieb deshalb seine Gehilfin immer wieder an, ihm die Eimer möglichst hoch hinaufzureichen, indem er ihr vorwarf, sie höbe sie ihm nicht so weit entgegen, als sie es bei gutem Willen und der nötigen Anstrengung vermöchte. Therese Neumann, die sich selbst größte Mühe gab und natürlich ebenfalls ermüdete, wehrte sich mit der Antwort, sie tue ja, was sie könne.

Als sie so schon über 2 Stunden hindurch ohne Unterbrechung auf dem Stuhl stehend gearbeitet hatte und gerade einen vollen Eimer wieder einmal recht weit hinaufzuheben versuchte, spürte sie im Kreuz plötzlich einen "Knicks, wie wenn mich was gezwickt hat". Der Eimer entfällt ihren Händen. Ihr rechter Fuß gleitet vom Stuhl ab. Trotzdem kommt sie noch auf dem Erdboden zum Stehen, ohne umzufallen, weil sie sich an die gleich neben dem Stuhl befindliche Kegelbahnwand anhalten konnte. Eine Frau und ein Mädchen (eine Zigeunerin), die sich am Wassertragen beteiligten, sprangen hinzu, sie zu stützen, doch war ihre Hilfe nicht erforderlich. Sie vermochte sich aus eigener Kraft aufrechtzuhalten und auch zu gehen. Weiterzuarbeiten wie bisher, war sie nicht mehr imstande.

Welchen Inhalt und damit Gewicht gerade der Wassereimer hatte, bei dessen Emporheben der Unfall geschah, ließ sich nicht genau feststellen, da die hilfeleistenden Nachbarn eigene Kübel mitgebracht hatten. So weit ich die dort üblichen Wassereimer prüfen konnte, haben sie einen Fassungsraum von 10-15 Liter, mithin ein Gewicht von 20-30 Pfund ohne das Eigengewicht des Eimers selbst.

Nach dem Brandunfall

Nach dem Unfall, der gegen 12 Uhr Mittag geschah, bemerkte Therese Neumann, daß sie ihre Füße nicht mehr so recht spürte. Sie waren wie eingeschlafen, wie "pelzig". Als sie ihre Kammer im Dachgeschoß des Gasthofes aufsuchen wollte, um die durchnäßten Kleider zu wechseln, konnte sie die Stiegen nicht mehr hinaufsteigen. So ging sie in den nassen Kleidern in den Stall, um das wegen der Löscharbeiten unversorgte Vieh zu füttern, konnte sich aber nicht mehr bücken und auch nicht den leeren Futterkorb. vom Boden aufheben. Die beim Löschen mittätige Margarete Lindner hat ihr daraufhin beim Füttern geholfen. Da sie also nichts arbeiten konnte und außerdem während des Tages noch nichts genossen hatte, setzte sie sich zunächst zum Essen, trank Kaffee und aß "Spauzen" (einheimische Kartoffelklösse). Nach dem Essen spürte sie Brechreiz. Ob sie sich auch erbrochen hat, weiß sie nicht mehr. Der Schmerz im Kreuz begann sich allmählich zu verstärken und in den Leib auszustrahlen. Sie empfand ein sehr starkes Bedürfnis, sich niederzulegen und auszuruhen. Da sie zu ihrer Kammer nicht hinaufzusteigen vermochte, ging sie in das nahe Elternhaus. Leute, denen sie auf dem Wege begegnete, fragten sie, was ihr fehle; sie gehe, als hätte sie Zentnerschwere in den Beinen. Die Mutter empfing sie mit der Frage, was sie denn habe, sie komme ja ganz krumm daher. Sie antwortete, sie wisse es nicht, ihr täte das Kreuz weh und es sei ihr geradezu, als ob man ihr mit einem Strick den Leib zusammengeschnürt hätte, während sie im Unterleib kein rechtes Gefühl hätte. Sie habe sich vielleicht einen Hexenschuß oder eine Verrenkung, vielleicht auch Rheumatismus zugezogen, weil sie so lange durchnäßt in der Kälte gestanden habe. Vielleicht läge es aber auch daran, daß sie sich nicht geschont habe, obwohl sie an diesem Tage die Menstruation hatte. Vielleicht. seien der Sturz und die Schmerzen auch die Folgen der ununterbrochenen Arbeit und Nüchternheit bis zum Mittag. Jedenfalls könne sie nicht mehr. Sie meine aber, ihr Zustand werde sich durch Ruhe und Schwitzen bessern. Die Mutter erzählte, ihre Tochter sei stark nach vorn und nach links hinübergebeugt gegangen. Sie habe die Beine nachgezogen und sie nur mühsam bewegt, auch keine Kraft mehr in ihnen gehabt. Sie seien ihr nach ihrer Erklärung sehr schwer vorgekommen. Den Schmerz über die Zusammenziehung des Leibes habe sie als sehr heftig geschildert. Er ging von der schmerzenden Stelle im Kreuz schräg nach vorn und unten.

Therese Neumann legte sich darauf in der Wohnstube auf die Ofenbank. Ihre Müdigkeit wich bis gegen Abend, nicht aber die Schmerzen. Abends ging sie wieder zu ihrem Dienstplatz. Da sie sich aber sehr leidend fühlte, versuchte sie sogleich, ihr Bett in der Dachkammer aufzusuchen. Dabei zeigte sich, daß sie jetzt wieder die Treppen steigen konnte, allerdings, nur in der Weise, daß sie sich mit der einen Hand am Geländer hochzog und mit der anderen auf den Stufen aufstützte.

Am nächsten Morgen versuchte sie trotz der Fortdauer der Schmerzen. aufzustehen, konnte sich aber nicht aufrecht auf den Füßen halten, sondern mußte sich wieder niederlegen. Einige Tage Bettruhe gaben ihr die Fähigkeit zu stehen und zu gehen zurück. Doch ging sie nur mühselig und mit schweren Füßen in der schon geschilderten vorgebeugten Haltung nach links vorn gebeugt. Ihre Mutter ermahnte sie, sich diesen Gang wieder abzugewöhnen, man müsse sich ja mit ihr vor den Leuten schämen, denn sie gehe wie jemand, ,der die Abzehrung habe und mit dem es bald dahingehe. Sich zu bücken und etwas vom Boden aufzuheben, war sie nicht imstande. Wollte sie letzteres tun, so mußte sie sich dazu auf ein Knie niederlassen. Sie hatte ständig das Gefühl, als habe sie keinen Halt mehr im Kreuz, das nach wie vor schmerzte und von dem aus auch der Gürtelschmerz weiter ausstrahlte. Sie langte sich deshalb öfters an die schmerzhafte Stelle im Rücken, weil sie erkunden wollte, ob dort nicht irgend eine Beschädigung wahrnehmbar sei. Doch konnte sie zu dieser Zeit noch nichts weiter fühlen außer einer Schmerzverstärkung, wenn sie auf diese Stelle drückte, weil sie noch "zu stark im Fleisch" war, wie sie sich selbst ausdrückte. Sie wog damals 147 Pfund. Die Durchnässung beim Brand in der Märzkühle der ohnehin klimatisch kalten Fichtelgebirgsgegend hatte ihr außerdem eine Erkältung mit Husten gebracht, der hartnäckig anhielt. Dazu. stellten sich die bereits bei dem Mittagessen am Brandtage aufgetretenen Magenstörungen verstärkt und dauernd ein. Nach dem Essen fester Speisen bekam sie Brechreiz und mußte in der Regel das Genossene wieder von sich geben. Dagegen behielt sie breiige Speisen, insbesondere Schleimsuppe bei sich, zumal wenn sie sich nach dem Essen niederlegte. Die bisherige Arbeit vermochte sie nicht mehr zu leisten. Schon bis zu ihrem Eintritt in das Waldsassener Krankenhaus magerte sie wegen dieser Ernährungsstörungen erheblich ab, ein Vorgang, der sich in der Folgezeit weiter fortsetzte.

Als teilweiser Ersatz für den Ausfall ihrer Arbeitskraft trat ihre Schwester Ottilie in den Dienstplatz ein. Diese mußte aber zum Schlafen in das Elternhaus gehen, da im Wirtsanwesen kein Bett für sie frei war. Denn Therese Neumann blieb noch dort, weil sie als die älteste in der Wirtschaft besser Bescheid wußte, als die drei. weiteren jetzt dort bediensteten Schwestern, und also noch beratend mithelfen und auch die fünfzehnjährige Schwester Ottilie anlernen. konnte. Auch hoffte sie bald wieder völlig arbeitsfähig zu sein. Trotz ihres leidenden Zustandes suchte sie sich an ihrem Dienstplatz weiter möglichst nützlich zu machen. So versuchte sie Taxen (Tannenstreu) zu hacken. Dabei hat sie sich mit dem Hackmesser einmal den Ballen der linken Hand und ein andermal die Daumenkuppe der linken Hand aufgeschlitzt. Sie suchte sich darauf Harz, strich es auf die Wunde und arbeitete weiter. Diese und andere Arbeitsversuche machte sie ebensowohl freiwillig aus Arbeitslust wie aus Nötigung. Denn, so wenig, wie sie selbst, faßten ihre Dienstherrschaft und ihre Allgehörigen das Geschehnis beim Brand als einen ernsthaften Unfall auf. Daß in der Zeit der allgemeinen Einziehung der männlichen Landbevölkerung zum Kriegsdienst eine starke. und tüchtige Arbeitskraft ausfallen sollte - Therese Neumann hatte ja die Stellung des Ochsenknechts inne - wurde begreiflicherweise unangenehm empfunden. Und sie bekam diese Mißstimmung auch deutlich zu spüren. Als einmal der Dienstherr sich mit einem Teil des Gesindes zum Feld hinausbegab, um Kunstdünger zu streuen, versuchte sie sich auf den Wagen zu setzen, weil ihr das Gehen zu Fuß große Beschwerden machte. Sie wurde dessen aber von dem Dienstherrn mit der Erklärung verwiesen, sie solle nicht so faul sein. Auch erhielt sie wiederholt von verschiedenen Seiten den Vorwurf, sie sei eine Drückebergerin.

Der Unfall auf der Kellerstiege anfangs April 1918

Therese Neumanns Versuche, in der Neumannschen Wirtschaft mitzuarbeiten, führten einige Wochen nach dem Brande, also im ersten Drittel des April 1918, zu einem neuen schweren Unfall, der ihren Zustand erheblich verschlechterte. Über diesen Unfall war folgendes in Erfahrung zu bringen. Therese Neumanns Schwestern wollten am Nachmittag dieses Tages Frühkartoffeln legen. Während des Winters hatte sie den Kartoffelvorrat durchgeklaubt. Da ihre Schwester Ottilie im Kartoffelkeller noch nicht so Bescheid wußte und die anderen Schwestern mit der Arbeit im Gedränge waren, worüber der Dienstherr "brummte", bat sie ihre älteste Schwester, die nötige Menge Saatkartoffeln herzurichten. Die anderen Schwestern wollten währenddessen noch rasch zu Mittag das Vieh füttern. Therese Neumann begab sich darauf in den unteren Bierkeller der Wirtschaft, wo die Kartoffeln aufbewahrt wurden, und suchte ein "Schwingerl", d. h. einen Korb voll, aus. Ein Schwingerl faßt etwa 30-50 Pfund. Um ihren Schwestern Arbeit zu ersparen, kam sie zu dem Entschluß, die Kartoffeln gleich selbst hinaufzutragen. Sie füllte sie deshalb aus dem Korb in einen Sack um, den sie auf die rechte Achsel nahm. Es gelang ihr auch 5 - 6 Stufen emporzusteigen, dann fiel sie rücklings die Stiege hinunter, deren unterste steinerne Stufe doppelt breit angelegt ist. Auf diese Steinstufe schlug sie derart mit dem Hinterkopf auf, daß sie eine blutende Wunde erhielt, die längere Zeit stark eiterte, ehe sie nach Bleiwasserumschlägen verheilte. Sie wurde sofort ohnmächtig. Als ihre Schwester Ottilie, die die Kartoffeln benötigte, in den Keller kam, fand sie sie noch am Boden und erst halb wieder bei Besinnung; sie hatte nicht ganz eine Stunde dagelegen. Von ihr aufgerichtet- und gestützt, konnte Therese Neumann - wenn auch sehr mühsam - die Kellerstiege wieder emporsteigen. Ottilie hieß sie gleich zum Essen hineingehen, sie aber erklärte: "Ich brauch nichts, ich lang", und setzte sich im Stall auf einen Hocker. Sie hatte sehr starke Schmerzen im Kopf, vor allem im Hinterkopf : "Mir tut mein Kopf weh, daß mir die Augen außefallen möchten", äußerte sie. Der Kopfschmerz milderte sich etwas, wich aber in der Folgezeit nicht ganz. Sein Hauptsitz war im Hinterkopf, aber der ganze Kopf tat ihr weh. Dazu war sie beständig müde und "dösig".

Nach kurzer Zeit sah ihr Dienstherr nach ihr, weil sie mit auf das Feld sollte. Sie sagte aber, daß sie nicht gehen könne. Darauf erklärte er, dann könne sie daheim bleiben, solle aber Streu hacken. Als die andern aufs Feld gefahren waren, versuchte sie den Auftrag auszuführen, vermochte es aber nicht, sondern setzte sich erschöpft auf. den Hackstock. So sah sie eine Nachbarin, Frau Karoline Eckert. Als diese von ihr ihren elenden Zustand erfuhr, veranlaßte sie sie, ins Elternhaus zu gehen und sich niederzulegen. Wegen ihres leidenden Zustandes blieb sie für die nächste Zeit nachts im Elternhause. Dort mußte sie das Bett. mit ihrer Schwester Ottilie teilen, wie das auf dem Lande, zumal in ärmeren Familien mit zahlreichen Kindern, noch vielfach üblich ist. Jetzt traten auch die ersten Symptome eines sie auf das äußerste bedrückenden Leidens auf: Blase und Darm funktionierten nicht mehr nach ihrem Willen, sondern entleerten sich unwillkürlich - sie konnte die Ausscheidungen nicht mehr zurückhalten und die Folge waren regelmäßige Verunreinigungen an Leib- und Bettwäsche. Weil sie sich nach der üblichen Art junger Mädchen dessen außerordentlich schämte, ließ Therese Neumann ihre Mutter auf dem Glauben, die jüngere Schwester, bei der freilich auch früher nie derartiges beobachtet worden war, sei die Kranke, während in Wirklichkeit der Sturz von der Kellerstiege ihr zu den übrigen Störungen auch diese gebracht hatte. Da sie damals und in der Folgezeit, wohl wegen der durch das häufige Erbrechen verminderten Nahrungsaufnahme, überhaupt nur sehr wenige Ausscheidungen auf natürlichem Wege hatte, konnte sie diese Störungen jetzt und bis zu ihrer völligen Bettlägerigkeit leicht verbergen. Begünstigt wurden ihre Bemühungen, diese Leiden zu verheimlichen, auch durch den Umstand, daß die Mutter in jener Zeit außerordentlich in Anspruch genommen war. Denn der Vater war wieder im Heeresdienst, auf ihr lastete also die ganze landwirtschaftliche Arbeit. So konnte sie nicht jedem ihrer acht Kinder im Hause viel Aufmerksamkeit widmen. Therese machte deshalb die leichte Hausarbeit, wie Bettmachen, nach Möglichkeit selbst. Daß die Mutter ihre erwachsene, bisher so bewährte Tochter Therese, die ja schon jahrelang bei fremden Leuten in Dienst gestanden hatte, ohne daß die geringste derartige Wahrnehmung bei ihr zu machen gewesen war, dabei am wenigsten kontrollierte, ist selbstverständlich.

Therese Neumann hielt sich nach dem Sturz von der Kellertreppe mindestens zehn Tage im Elternhause auf. Obwohl jetzt ihr Bett an ihrem Dienstplatz frei war, ließ die Mutter ihre Tochter Ottilie doch nicht dort schlafen, da sie sich wegen deren vermeintlichen Leidens "vor den Leuten schämte". Mit der Bettruhe gingen die Schmerzen und die Bewegungsstörungen bei Therese Neumann etwas zurück, der quälende Husten aber und die Magenstörungen hielten in der beschriebenen Weise weiter an. Ob sie nach dem Sturz von der Kellerstiege Augenstörungen gehabt hat, vermochte sie nicht gewiß zu sagen. Da sie mir nur berichten wollte, was sie noch sicher weiß, möchte sie es eher verneinen. Sie habe damals nur selten und kurz gelesen. Dagegen weiß sie noch mit Sicherheit, daß sie nach diesem Sturz beim Ankleiden eine Schmerzverstärkung im Kreuz fühlte, wenn sie die Arme rückwärts bog und sich den Unterrock oder die Schürze auf dem Rücken zubinden wollte. Der Schmerz strahlte zum .Kopf und zu den unteren Extremitäten aus.

Seit dem Unfall im Keller verschlechterte sich ihre früher stets heitere Laune ständig mehr. Sie wurde "maßleidig", "sie war nimmer zum haben", wie mir die Mutter sagte, weil sie nicht mehr arbeiten konnte. Sie begann deshalb in der Familie schwer erträglich zu werden, so daß man ihren Zustand ernster nahm und ihre Überführung in das Waldsassener Krankenhaus ins Auge faßte.

Im Waldsassener Krankenhaus vom 23. April bis 10. Juni 1918

So wurde denn Therese Neumann mit dem Postwagen nach Waldsassen gebracht, und zwar zu dem Arzte Dr. Goebel. Der Leiter des Krankenhauses in Waldsassen, Sanitätsrat Dr. Otto Seidl, befand sich im Feld.

Fußnote: In dem Prozeß Dr. Aigner gegen v. Lama hat Dr. Seidl nach ,mir vorliegenden Zeitungsberichten auf Anfrage erklärt, er habe Therese Neumann seit-1918, auch während des Urlaubs 1918, behandelt. Therese Neumann kann sich nicht erinnern, daß sie von Dr. Seidl vor dem Januar 1919 behandelt worden sei. Ebenso wenig erinnerten sich ihre Eltern. In der Zeit ihres Aufenthaltes im Krankenhaus Waldsassen sei Dr. Seidl auf ein paar Tage in Urlaub zu Hause gewesen. Er habe auch das Krankenhaus besucht, und sei von einem Kranken zum andern gegangen. So sei er auch zu ihr gekommen. Er habe sie aber weder- untersucht, noch behandelt.

Therese Neumann erzählte, daß sie von vorneherein gegen Dr. Goebel eine Abneigung empfunden - "ihn nicht gemöcht" - habe und deshalb nicht aus sich herausgegangen sei, sondern sich im wesentlichen auf die Beantwortung seiner Fragen beschränkt habe. Auf die Frage, was ihr fehle, wies sie zunächst nach der schmerzenden Stelle im Rücken und fuhr von da mit beiden Händen nach vorne, wie wenn sie sich einen Gürtel anlegen wollte. Sie erklärte, sie hätte das Gefühl, wie wenn ihr der Leib mit einem Strick gewaltsam zusammengeschnürt wäre. Auch berichtete sie über den Brechreiz, unter dem sie litt, und daß sie nur selten Ausscheidungen habe. Die Unfähigkeit, Blase und Darm nach ihrem Willen in Funktion treten zu lassen, verschwieg sie.

Dr. Goebel überwies sie dem Waldsassener Krankenhaus, in das sie am 23. April 1918 aufgenommen wurde, um es am 10. Juni des gleichen Jahres ungeheilt wieder zu verlassen. Er behandelte sie nach ihrer und ihrer Eltern Mitteilung auf Magensenkung und verordnete Bettruhe, gestrecktes Liegen und Fasten; dazu an Arzneien Eisen, Karlsbader Salz und ferner Brom für die Nerven. Morphium erhielt Therese Neumann ebenfalls, und zwar bei besonders starken Anfällen von Schmerzen im Kreuz und Zusammenschnürung des Leibes (Gürtelschmerz), die jeweils nach Krampfanfällen auftraten. Auf eine Klage über diesen nach Therese Neumanns Ansicht vom Kreuz ausgehenden Gürtelschmerz antwortete der Arzt, wie sie erzählte: "Ach was, das sind die Sehnen vom Magen." Ob sie noch andere Arzneien erhalten -hat, ist nicht mehr festzustellen.

Als Nahrung erhielt sie zeitweilig nur eine kleine Menge Milch für den Tag, sonst etwas Mehlmus. Sie hatte dabei fürchterlichen Hunger, ihr Zustand besserte sich aber nicht. Ihr Vater, der damals mit Rücksicht auf die zahlreiche Familie für einige Zeit aus dem Felde beurlaubt war, besuchte sie eines Tages es war um Pfingsten und brachte ihr sieben Schmalzküchel mit, von denen sie vier sofort und ohne nachfolgende Beschwerden verzehrte, während sie die restlichen drei versteckte und später aß. Ebenso brachten ihre Brüder ihr gelegentlich Butterbrot; auch dieses aß sie vorschriftswidrig, aber mit größtem Appetit und ohne nachteilige Folgen.

Therese Neumann berichtete mir, daß das fortwährende Liegen ihr eine erhebliche Milderung sowohl des Brechreizes wie des Kreuz- und Gürtelschmerzes gebracht habe. Dagegen hätten die auftretenden Krämpfe jeweils ihren Zustand erneut verschlimmert. Über diese Krampfanfälle selbst ließ sich folgendes in Erfahrung bringen. Der erste stand im Zusammenhang mit dem Besuch des Vaters. Dieser hatte ihr, wie schon erzählt worden ist, Küchel mitgebracht, von denen Therese Neumann einen Teil sich aufgehoben und in ihrem Nachtkastel versteckt hatte. Als sie sie später zum Essen hervorholen wollte und sich deshalb nach links über den Bettrand herabbeugte, trat ein Krampf auf. Der nächste begegnete ihr gegen Ende ihres Aufenthaltes im Krankenhaus, als sie sich ebenfalls zum Nachtkästchen herumdrehte, um ihm ihre Pantoffel zu entnehmen. Der dritte trat ebenfalls zu dieser Schlußzeit ihres Krankenhausaufenthaltes auf, als sie sich im Bette aufkniete und den Oberkörper scharf nach rechts herumdrehte, um zum Fenster hinaus in den, Garten zu sehen, wo die Krankenschwestern arbeiteten. Dieser Anfall war so stark, daß die Krankenschwestern zu ihrer in Waldsassen wohnenden Patin Frau Forster, der Schwester ihres Vaters, später sagten, sie hätten gemeint, jetzt gehe es mit. der Resl dahin. Die Krämpfe waren von Bewußtseinsverlust begleitet. Bei ihrem Beginn zuckten ihr dabei die nach der Handfläche eingebogenen Finger. Allmählich wurde dann der Körper unter kleinen Zuckungen starr. Die Behauptung, Therese Neumann habe im Waldsassener Krankenhaus auch Blutbrechen gehabt, wird von ihr ganz entschieden als falsch bezeichnet. Dagegen blieb vom April 1918 an die Menstruation aus, trat aber im Juli 1918 einmal wieder auf, um vom Sommer 1918 und zwar offenbar von Anfang August an ganz aufzuhören. Durch Einnehmen einer sehr starken Arznei, die ihr im Jahr 1920 oder 1921 - das Jahr ist nicht mehr genau in der Erinnerung der, Therese Neumann und ihrer Angehörigen - ein Naturheilkundiger gab und deren Art nicht festgestellt werden konnte, wurde ein ganz geringfügiges Wiederauftreten der monatlichen Funktionen erreicht. Da sie aber gleichzeitig fast sterbenskrank wurde, hörten die Angehörigen erschreckt mit dem Eingeben dieser Arznei auf. Abgesehen von diesem Zwischenfall, so erzählt ihre Mutter, hat Therese Neumann also vom Sommer 1918 an bis heute nicht mehr menstruiert.

Auch im Waldsassener Krankenhaus litt Therese Neumann an den vorhin geschilderten Blasen- und Darmstörungen. Es war ihr aber um so leichter möglich, diese sie sehr beschämenden Erscheinungen auch vor den Krankenschwestern zu verbergen, weil sie täglich als Gesamtmenge der Nahrung wegen der angeblichen Magensenkung nur sehr wenig, zeitweilig nur eine Tasse Milch erhielt, und deshalb die natürliche Ausscheidung naturgemäß ohnehin auf eine ganz geringe Menge zurückging.

Der fortwährende fürchterliche Hunger gab ihr schließlich den Gedanken ein, heimlich das Krankenhaus zu verlassen; auch konnte sie die Ruhe nicht mehr ertragen und wurde von steigendem Mißtrauen gegen den Arzt erfüllt, so daß die Krankenschwestern ihr die Kleider versteckten, um ein heimliches Entweichen zu verhindern. Schließlich wurde sie von Dr. Goebel auf ihr eigenes Verlangen am 10. Juni 1918 entlassen. Er erklärte ihr aber beim Abschied, daß sie noch nicht geheilt sei. Therese Neumann blieb auch weiter in seiner Behandlung, damit sie des Krankenkassengeldes nicht verlustig ging. Sie erschien zeitweilig in seiner Sprechstunde in Waldsassen. Sie benutzte zur Fahrt dorthin, die Postkutsche, da ihr, das Gehen der 6,2 km zu große Mühe machte.

Der Sturz von der Leiter- im elterlichen Stadel um den 1. August 1918

Nach der Heimkehr aus dem Waldsassener Krankenhaus setzte Therese Neumann ihre Versuche, sich nützlich, zu machen, fort, obwohl ihr Siechtum in allen wesentlichen Äußerungen 'das gleiche geblieben war. Diese Versuche führten etwa am Ende des Juli oder Anfang des August 1918 zu einem neuen schweren Unfall. Sie hatte es übernommen, im elterlichen, Stadel Garbenbänder für die Getreideernte herzurichten. Diese Bänder werden von Jahr zu Jahr aufbewahrt, müssen aber jeweils. vor der neuen Verwendung frisch gedreht werden. Sie wurden im elterlichen Stadel auf einem etwa mannshohen" Bansen", das ist ein den halben Stadel in einer Höhe von 1,90 m vom Erdboden durchziehender Querboden aufbewahrt, den man mittels ,einer. Leiter erreicht, die zum Dachboden hinaufführt. Als Therese Neumann die guten und schlechten Bänder auseinandergesucht und zurechtgelegt hatte und auf dem Rückweg von dem Bansen gerade auf die Leitersprosse treten wollte, fiel sie rücklings hinunter uns schlug mit dem Kopf voraus auf dem festgestampften Lehmboden auf. Es erfaßte sie ein Krampf und sie verlor das Bewußtsein. Wie sie wieder zu sich kam, war sie stark benommen. Als sie ihre .Umgebung wieder erkannte, sah sie sich am Boden liegen, mitten in einem Kreise von Kindern des Ortes, die durch das offene Tor hereingekommen waren und sie neugierig betrachteten. So fand sie die Mutter, die sich inzwischen auf das Feld begeben hatte, um Hafer zu holen, wozu sie eine gute Stunde benötigte. Sie hob ihre Tochter auf und brachte sie, sie stützend, ins Bett, das sie zwei bis drei Wochen hüten mußte. Wie beim Sturz von der Kellerstiege hatte sie auch diesmal sehr starke Schmerzen im Kopf und in den Augen, die ihrem Gefühl nach aus ihren Höhlen quellen wollten. Das Schmerzgefühl in den Augen ging während der erzwungenen Ruhe wieder vorüber, der Kopfschmerz milderte sich, blieb aber in der Stärke, in der er seit dem Sturz von der Kellerstiege bestand.

Während der Zeit der Bettlägerigkeit nach diesem Sturz von der Leiter bemerkte sie zweifelsfrei das Auftreten von Sehstörungen. Sie war anfänglich so benommen gewesen, daß sie stumpf und teilnahmslos dagelegen hatte. Als die Ruhe sie wieder etwas gekräftigt hatte, kam sie auf den Gedanken, sich die Zeit mit Lesen zu verkürzen. Wie sie das erste Mal zu lesen begann, nahm sie Flimmern vor den Augen und schwarze Punkte und Fäden im Gesichtsfeld wahr. Die Augen ermüdeten rasch, doch schmerzten sie sie nicht. Eine Änderung der Sehschärfe gegen früher ist ihr nicht aufgefallen. Therese Neumann beantwortete meine Frage, ob sie; bemerkt habe, daß diese Störungen nur auf einem Auge bestanden hätten oder auf beiden, also doppelseitig gewesen wäre, dahin, sie wären ihrer Beobachtung nach doppelseitig gewesen. Sie habe früher in ihrer gesunden Zeit wegen der außerordentlichen Inanspruchnahme mit Arbeit sehr wenig Zeit zum Lesen gehabt; sie sei also nicht an längeres Lesen gewöhnt gewesen, und deshalb nach dem Unfall, als sie nicht mehr die gewohnte Arbeit tun konnte, auch zunächst nicht auf den Gedanken gekommen, mehr zu lesen. Sie habe sich vielmehr untertags möglichst viel von solchen Arbeiten gesucht, die sie noch leisten zu können glaubte. Da ihr das Nichtstun unerträglich war, habe sie sich eben möglichst nützlich gemacht. Die Ernährungsstörungen hätten außerdem einen solchen Rückgang ihrer Körperkraft herbeigeführt, daß sie abends zum Lesen zu müde gewesen sei. Im Waldsassener Krankenhaus sei ihr, ebenso wie den andern Patientinnen des Saales nur wenig Lesen gestattet gewesen; so habe sie also auch zu dieser Zeit keine besonderen Beobachtungen über das Verhalten ihrer Augen beim Lesen machen können. Diese Sachlage habe sich erst im Sommer geändert, wo sie - beginnend mit dem Sturz von der Leiter nach den Unfällen immer längere Zeit bettlägerig gewesen und so dazu gekommen sei, allerlei zu lesen. Die Störungen habe sie vor allem beim Lesen ihres Gebetbuches bemerkt, da dieses einen besonders kleinen Druck habe. Aber sie traten auch beim Lesen von Druckschriften mit größeren Buchstaben auf. Bestimmt könne sie sich erinnern, daß sie die geschilderten Störungen ganz deutlich im August 1918 nach dem Fall von der Leiter im elterlichen Stadel bemerkt habe, wo die lange Bettlägerigkeit von 2-3 Wochen sie veranlaßte, mehr zu lesen. Damals sei sie erstmals über dieses neue Leiden richtig stutzig geworden, das sie in ihrem religiösen Leben erheblich störte. Das Ausmaß der Störungen sei nicht dauernd das gleiche gewesen. Mit der Besserung der Allgemeinerscheinungen durch eine längere Bettruhe, vor allem mit der Abschwächung der Kopfschmerzen und der Rückkehr der Gehfähigkeit, hätten sich auch die Augenstörungen gemildert, um bei neuen Unfällen ebenso wie die, anderen Beschwerden verstärkt einzusetzen. Daß ihre Sehschärfe nach dem Sturz von der Leiter geringer geworden sei, glaubte Therese Neumann verneinen zu müssen. Sie meinte, bei solchen Arbeiten, wie Unkraut ausjäten und besonders Gänse rupfen, was sie noch am 19. Oktober 1918 ausführen konnte, wäre ihr eine verminderte Sehschärfe wohl aufgefallen. Sie habe aber eine Behinderung in der Arbeit durch mangelnde Sehschärfe nicht bemerkt.

Arbeitsversuche und Unfälle vom August bis zum Oktober 1918

Nach dem Sturz von der Leiter im elterlichen Stadel begegnete ihr erstmals, daß sie ohnmächtig im Krampf zusammenstürzte, wenn sie ihre Schürze oder ihren Unterrock auf dem Rücken zusammenbinden wollte und zu diesem Zwecke die Arme nach hinten bog. Es fiel ihr auf, daß dies stets beim Anlegen eines bestimmten Unterrocks eintrat, der hinten schwierig zu schließen war. Deshalb zog sie in der Folgezeit diesen Rock überhaupt nicht mehr an. Derselbe Unfall stieß ihr zu, als sie einmal versuchte, ihr Rückgrat abzutasten, um zu erkunden, ob nicht irgend etwas "Abnormes" bemerkbar wäre. Darauf ließ sie von derartigen Versuchen ab. Ein andermal stürzte sie im elterlichen Keller zusammen und zwar aus folgendem Anlaß. Sie wollte einen Milchtopf holen, der zur Kühlung in eine Wasserbütte gestellt war. Um ihn zu erreichen, mußte sie sich in die Bütte hineinneigen. Da sie sich ja nicht zu bücken vermochte, mußte sie sich aufs Knie niederlassen und dann den Oberkörper über den Rand der Bütte hineinbeugen. Sie lag nicht ganz eine halbe Stunde am Boden. Ein andermal begegnete ihr der Unfall, als sie sich zu einer Mäusefalle bückte, die sie in ihrem Zimmer aufgestellt hatte. Sie hatte dabei vergessen, sich vorher aufs Knie niederzulassen und den Oberkörper stark zu beugen versucht. Dann wieder verunglückte sie, als sie im Garten des Neumannschen Wirtsanwesens Gemüsebeete jäten wollte. Sie hatte sich zwar zur Vorsicht einen Schemel mitgenommen, auf den sie sich setzte. Als sie sich aber von diesem niederbeugte, das Gras auszureißen, erlitt sie doch den Krampf. Nach den Berichten der Angehörigen ist sie bei solchen Unfällen von Sinnen gewesen und es hat sie "ein bisserl gerissen, wie wenn sie Krämpfe hätte". Der Mund war zusammengedrückt und die Hände eingezogen.

Therese Neumann schilderte die Schmerzgefühle, die sie bei diesen Unfällen wahrnahm, folgendermaßen: Sie habe plötzlich einen starken Schmerz im Kreuz gefühlt. Von dort ausgehend habe sich der Schmerz in die Glieder verbreitet. Er sei bis zu den Füßen herunter"geklettert"; ebenso in die Hände, die er zuckend zusammengezogen habe. Dann sei er ins Genick und den Hinterkopf gedrungen. Sie habe diesen letzteren Schmerz als einen "furchtbar stark ziehenden" empfunden, "wie wenn innen" sie wies auf das Rückgrat - "was zu kurz ist und angezogen wird, und zwar bis ins Genick und den Hinterkopf". Dann sei sie ohnmächtig geworden. Später, als ihre Glieder gelähmt waren, habe sie während der Dauer der Lähmungen in diesen besonders in den unteren Gliedern keine Schmerzen gespürt. Wenn die Bewußtlosigkeit auftrat, haben ihre Eltern später mit ihr des öftern Atembewegungen gemacht. Einmal, als sie sechs Tage hindurch ohnmächtig und im Krampf lag, haben sie ihr eine Feder vor die Nase gehalten, um zu sehen, ob sie noch lebt, so gering war die Atmung. Der Anlaß zu diesem Krampf und dieser Ohnmacht war nicht mehr festzustellen. Die Krämpfe dauerten manchmal immer wieder angehend stundenlang. Doch trat diese Verschlimmerung erst mit der völligen Bettlägerigkeit auf

Nach derartigen Unfällen war sie stets eine Zeitlang bettlägerig. Die Krankheitssymptome selbst waren verstärkt. Durch das Liegen aber besserte sich jeweils ihr Zustand. Die Schmerzen gingen auf das gewohnte Maß zurück. Sie konnte wieder gehen. Doch blieb der Gesamtzustand der gleiche, Wenn sie wieder aufstand, hatte sie auch wieder das Gefühl im Kreuz, als habe sie dort keinen Halt mehr. Ebenso blieben Kreuz- und Gürtelschmerz. Die Haltung des Körpers war dauernd die gleiche, wie sie nach dem Unfall beim Brand aufgetreten war. Auch die Blasen- und Darmstörungen hielten in der Form an, wie sie sich nach dem Sturz von der Kellerstiege eingestellt hatten. Doch gelang es Therese Neumann immer noch, vor jedermann zu verheimlichen, daß sie daran litt. Da sie nach der Rückkehr vom Waldsassener Krankenhaus den ganzen Sommer und Herbst hindurch bis zu dem Unfall am Kirchweihsamstag wieder mit ihrer Schwester Ottilie zusammen schlief, glaubte ihre Mutter auch jetzt noch immer, diese leide an diesen Störungen.

Auch in den Zeiten, in denen sie herumzugehen vermochte, litt sie an Brechreiz, der besonders dann auftrat, wenn sie feste Speisen genoß. Deshalb wurde ihre Hauptnahrung Mehlbrei, "Kindermus", wie sie sagte. Die Not an Nahrungsmitteln im letzten Kriegssommer und die damalige Bedrängnis zeigt sich in der Art, wie dieses gewonnen wurde. Da Weizenmehl, das ihr besonders bekömmlich war, nicht zu kaufen war, wurde Weizen, den der Vater schickte, in einer kleinen Schrotmühle gemahlen, die als Kaffeemühle für die große Familie heute noch benützt wird, dann von der Kleie durch Sieben mittels Mehlsieb befreit und als Mus zubereitet. Dieses Weizenmus behielt sie meist bei sich, zumal wenn sie sich gleich nach dem Essen niederlegte. Wenn sie schwerer aß, z. B. Fleisch, zumal Schweinefleisch, so spürte sie Brennen im Magen und Hals. Das Wasser trat ihr im Mund zusammen und es würgte sie sehr stark. Da Lebensmittel damals sehr knapp waren und die elterlichen Birnbäume reiche Ernte trugen, hatte sie oft ein Gelüste nach Birnen. Aber jedesmal, wenn sie einige gegessen hatte, traten diese Beschwerden besonders heftig auf. Beim Trinken und Essen von Brei wurde sie aber nicht davon geplagt.

Dr. Goebel verordnete ihr gegen die Magenbeschwerden Wismut, gebrannte Magnesia und Belladonnaextrakt ; auch erhielt sie gelegentlich Karlsbader Salz. Zur Kräftigung verschrieb er ihr weiter Arsen-Eisen-Tinktur. Andere Arzneien ließen sich nicht mehr feststellen.

Wie ich berichtet habe, hatte sich Therese Neumann infolge der Durchnässung bei der Löscharbeit am 10. März 1918 einen heftigen Husten zugezogen. Er hatte sie seither nicht mehr verlassen, sondern sich sogar sehr verschärft, und würgte sie schließlich wie ein starker Keuchhusten. Dazu hatten sich ständig stärker werdende Stiche in der rechten Brustseite gesellt. Dr. Goebel verschrieb ihr dagegen neben Codein, Dionin und Morphium auch Aspirin und Lösungsmittel. Da aber dieses Leiden hartnäckig anhielt, beschloß die Mutter, heimlich neben Dr. Goebel, der ihre Tochter als Kassenpatientin weiter behandelte, diese als Privatpatientin von einem alten Arzte untersuchen zu lassen, der in der Gegend einen großen Ruf hatte. Es war dies Dr. Wilhelm Burkhardt, wohnhaft in Hohenberg a. d. Eger, der regelmäßig in Arzberg Sprechstunden abhielt. Arzberg ist etwas über 7 km von Konnersreuth entfernt; zwischen diesem Ort und Konnersreuth bestand damals noch kein Postkutschenverkehr. Diesen Weg hin und zurück zu Fuß zu machen, war Therese Neumann aber bei ihrem Zustand unmöglich. Freundliche Arzberger, namens Sonntag, Nothaft und Kammermüller, ließen sie bei Geschäftsfahrten teils die ganze Strecke, teils Teile derselben hin oder zurück mitfahren. Stets mußte sie aus Sorge vor Krampfanfällen ein Angehöriges meist war es eine Schwester begleiten und stützen. Einmal hatten sie keine Gelegenheit zur Rückfahrt, so daß sie wohl oder übel versuchten, zu Fuß nach Hause zu gehen. Da Therese Neumann sehr stark schwitzen und sich jeweils nach einigen Schritten niedersetzen mußte, so brauchten sie etwa vier bis fünf Stunden und kamen so in die Nacht hinein. Die beiden jungen Mädchen fürchteten sich sehr, so allein in der Dunkelheit auf der Landstraße zu wandern. Besonders die fünfzehnjährige Ottilie, die sie diesmal begleitete, wurde angesichts der Hilflosigkeit der Schwester und deren Anfälligkeit für Krämpfe von der Angst, ob sie .sie überhaupt nach Hause bringen werde, so erfaßt, daß sie schließlich laut weinend neben ihr herging. Nach diesem Marsch war Therese Neumann völlig "kaputt" und mußte vierzehn Tage zu Bett liegen. Es war daher für sie eine große Erleichterung, als Dr. Burkhardt sie in Konnersreuth besuchte, sooft er dort mehrere Patienten hatte.

Therese Neumann berichtet, Dr. Burkhardt habe sie bei der ersten Befragung, bei der sie sich vor allem über den schon so lange anhaltenden Husten und die starken Schmerzen in der rechten Brustseite beklagte, auf diese Beschwerden untersucht und eine trockene Rippenfellentzündung festgestellt, gegen die er Tropfen und Mittel zum Einreiben sowie Tee zum Schwitzen verordnete. Eine Magensenkung erklärte er als nicht vorliegend. Als sie sich ihm wieder vorstellte, konnte sie ihm berichten, daß der Husten und die Brustseite besser geworden seien. Sie habe aber außerdem dauernd über Kreuzweh zu klagen, auch seien ihr die Füße ganz "pelzig" usw. Kurz, sie schilderte ihm etwas ihr dauerndes Leiden. Dr. Burkhardt untersuchte sie darauf genau und lange, so daß sie sehr fror. Er untersuchte vor allem eingehend den Rücken, den er mit der Hand herunterstrich. Hierbei fühlte sie jedesmal einen starken Schmerz und es gab ihr gleichzeitig immer einen Riß, sobald er mit der Hand auf die schmerzende Stelle im Kreuz drückte. Er beklopfte ferner mit einem Hämmerchen die Knie, wobei das linke Bein sich weniger bewegte als das rechte. Darauf fragte er sie, ob sie einmal irgendwo heruntergefallen sei oder schwer gehoben und sich dabei weh getan habe. Sie möge genau nachdenken. Es könnte vielleicht schon vor Jahren geschehen sein, aber sie müsse sich irgend einmal etwas getan haben. Sie solle ihm sagen, seit wann sie die Schmerzen im Kreuz spüre. Sie antwortete: Seit dem Brand. Einen besonderen Schmerz aber habe sie damals, als sie den Knicks im Kreuz empfand, nicht gespürt. Darauf fragte Dr. Burkhardt, was damals vorgefallen sei, und Therese Neumann mußte ihm genau schildern, wie es ihr bei der Löscharbeit ergangen sei und welche Folgen sie davongetragen habe. Die Blasen- und Darmstörungen verschwieg sie, weil sie sich ihrer schämte. Als sie geendet hatte, sagte ihr Dr. Burkhardt nur: "Ja, Kind, da haben wir's schon. Das kann noch lange dauern. Sie können aber auch plötzlich mal zusammenbrechen."

Therese Neumann spricht heute noch mit großer Verehrung von diesem Arzte, dessen Wesen ihr starkes, Vertrauen einflößte. Er sei ein "braver, lieber, alter Mann" gewesen und habe sich die Zeit nicht reuen lassen, sich gründlich mit ihr zu befassen. Bedauert habe sie nur immer, daß er nie genauer gesagt habe, wofür er ihr Leiden halte. Ihn direkt zu fragen, habe sie "keine Schneid" gehabt, und doch hätte sie brennend gern gewußt, wie sie mit sich daran sei. Er habe ihr zwar Trost zugesprochen, aber sie habe doch bemerkt, wie er bei der Untersuchung wiederholt bedauernd mit den Achseln gezuckt habe, wenn er meinte, sie könne es bei ihrem abgewandten Antlitz nicht sehen. Sie wird bei dieser Erzählung ganz erregt und schildert, während ihr bei der Erinnerung die Tränen in die Augen treten, "wie hart es ihr damals gewesen" sei, daß sie "siech" geworden war. "Denken's, Herr Doktor, ein junger Mensch, der sich auf den Beruf freut, den er erkannt hat. Und ich wollte doch Missionsschwester werden, ich hätte nie gedacht, daß es anders möglich sei, und ich hätt's auch durchgesetzt, meinen's nicht? Und nun so !"

Wegen ihrer Magenstörungen riet ihr Dr. Burkhardt Schafgarbentee zu trinken. Auch gab er ihr etwas zum Einreiben .des Rückens. Als sie ihm aber bei einem späteren Besuch meldete, daß kein Erfolg bemerkbar sei, ließ er hiervon ab.

Der Sommer und Herbst des Jahres 1918 vergingen also ohne Besserung des Gesundheitszustandes der Therese Neumann. Doch konnte sie sich bis jetzt noch ziemlich viel außerhalb des' Bettes aufhalten und herumbewegen. Die Ruhe und gestreckte Lage im Bett führte nach den einzelnen Unfällen jeweils zu einer gewissen Rückbildung der gleich darnach verstärkt aufgetretenen Krankheitserscheinungen. Denn die Zeiten der Bettlägerigkeit folgten - soweit ich feststellen konnte - regelmäßig auf Unfälle.

Der Sturz am Kirchweihsamstag, dem 19. Oktober 1918

Am Sonnabend, dem 19. Oktober 1918, sollte ihr bei einer. Arbeitsversuch ein neuer schwerer Unfall zustoßen. An diesem Tage, dem Vortag des Kirchweihfestes, an dem im Neumannwirtshaus viel vorzubereiten war, übernahm Therese Neumann von ihrer dort bediensteten Schwester Marie den Auftrag, eine Gans zu rupfen. Sie machte sich auch sofort an die Arbeit. Sie vermochte beim Rupfen auch die kleinen Federchen und Kiele in der Haut zu sehen. Nach kurzer Zeit kam ihr der Gedanke, daß es zweckmäßiger wäre, die gerupften Federn sofort in ein Sieb zu sammeln. Sie stieg deshalb auf den Getreideboden, ein solches zu holen. Der Getreideboden der Neumannwirtschaft ist - weil sich unter ihm der Saal befindet - mit starken und ziemlich hohen Längsbalken durchzogen, die sich über dem Fußboden erstrecken und die nicht durch Säulen unterstützte Saaldecke tragen. Da sie das hochhängende Sieb nicht anders erreichen konnte, kletterte sie auf einen solchen Balken. Mit der linken hocherhobenen Hand suchte sie sich an einem der dort von der Decke frei herabhängend aufbewahrten, mit Federn gefüllten Säcke festzuhalten, mit der rechten langte sie nach dem Sieb. Dabei wich der freihängende Federsack aus, sie verlor auf dem Balken den Halt, fühlte einen heftigen Schmerz im Kreuz, stürzte rückwärts hinunter, schlug mit dem Hinterkopf am Boden auf und blieb ohnmächtig liegen. So lag sie ungefähr eine Stunde, als die Schwestern sie vermißten. Zwei machten sich einen Krampfanfall befürchtend auf die Suche und fanden sie - "noch nicht ganz bei sich" - am Boden liegend. Sie versuchten sie aufzurichten. Doch konnte sie sich nicht aufrecht halten. Ihre beiden Schwestern mußten sie in ein Bett der Wirtschaft schleppen, in dem sie sie - jede an einer Seite ihr unter den Arm fassend - trugen, während ihre Beine am Boden und auf der Treppe nachschleiften. Sie fühlte eine außerordentliche Verstärkung des Kopfschmerzes, auch schienen ihr die Augen wieder aus den Höhlen quellen zu wollen. Als ich ihr die Frage vorlegte, ob sie hier schon etwas von der späteren Sehschwäche bemerkt habe, erklärte sie, sie sei nach dem Sturz zunächst "so damisch gewesen", daß sie gar nichts wahrgenommen habe. Nachdem sie in der Neumannwirtschaft ein paar Stunden geruht hatte, schleppten sie die Schwestern in das elterliche Haus, indem sie sie in der gleichen Weise wie vorher zu zweit halb tragend stützten. Sie hatte infolge der Ruhe soviel Bewegungsfähigkeit in den Beinen zurückgewonnen, daß sie allerdings nur sehr mühsam und langsam die Füße voreinander setzen konnte. Doch vermochte sie sie nicht vom Erdboden zu erheben, sondern mußte sie am Boden schlurfen lassen, wie man es bei alten gebrechlichen Leuten beobachtet. Als sie durch die Straße zum Elternhause geführt wurde, sah sie schlecht. Alles war verwischt. Bei der Begegnung mit der Mutter im Elternhaus vermochte sie diese nicht recht wahrzunehmen. -Therese Neumann vermag aber nicht mit Sicherheit zu sagen, ob die Ursache dieser Sehschwäche in ihren Augen oder in ihrem Allgemeinbefinden lag. Sie äußerte sich dahin: "Ich war noch damisch und bin gleich ins Bett gelegen. Die Augen hab ich meist zugehalten, weil mir so schlecht war." Auf meine Frage, ob sie nicht irgendwelche Beobachtungen gemacht habe, antwortete sie, sie hätte wegen zuviel Schmerzen im Kopf und Rücken keine Beobachtungen machen können. Im Elternhaus wurde sie in ein Bett der Giebelstube im ersten Stock gelegt.

Am nächsten Tag, am Kirchweihsonntag, dem 20. Oktober 1918, fühlte sie sich immer elender werden, so daß sie meinte, "es gehe jetzt mit ihr dahin". Sie konnte die Zimmereinrichtung nicht klar erkennen. Ihr war so elend, daß sie viel lieber liegen geblieben, als aufgestanden und zur Kirche gegangen wäre. Da sie aber ihre gewohnte Pflicht des sonntäglichen Kirchenbesuchs nicht versäumen und gerade wegen ihres elenden Zustandes sie befürchtete sterben zu müssen beichten und kommunizieren wollte, entschloß sie sich, alle Kraft zusammenzunehmen. Als sie noch im Bett lag, griff sie nach dem Gebetbuch, um sich auf den Sakramentenempfang vorzubereiten. Dabei bemerkte sie, daß sie das Buch nur "dumpf" sehen konnte. Die Buchstaben erkannte sie überhaupt nicht mehr, ebenso nicht die Linien. Sie bemerkte nur, daß "etwas Schwarzes auf dem Weißen gewesen ist". Sie gab darauf ihren Versuch zu lesen auf, kleidete sich mit Hilfe an und ging, von ihrer Schwester Agnes gestützt, zur Kirche. Auf dem Wege sah sie alles "wie im Nebel", obwohl es Vormittag und ein heller Tag war. Die Helligkeit des Tages ließ sie es wahrnehmen, wenn ihr Leute begegneten. Ihre Gesichter aber konnte sie nicht erkennen. Sie konnte überhaupt niemanden mehr mit den Augen erkennen. Dabei sagte sie sich: "Ja nichts sagen, daß die Mutter sich nicht aufregt. Es wird schon wieder vorübergehen." Beim Beichten konnte sie sich nur mit größter Mühe und indem sie sich an der Beichtstuhl anlehnte, auf beide Kniee niederlassen. An der Kommunionbank gelang ihr dies sogar nur für einen kurzen Augenblick. Die Kircheneinrichtung sah sie nur undeutlich. Den Weg zum Beichtstuhl und zur Kommunionbank fand sie, weil sie die Plätze genau kannte. Das Hochamt hielt sie nicht mehr aus, sondern mußte nach Hause gebracht werden, wo sie wieder in der oberen Stube niedergelegt wurde.

In der Hoffnung auf die Wirkung eifrigen Gebetes ließ sie sich abends nochmals in die Kirche geleiten, indem man sie rechts und links stützte und mehr trug als führte. Aber es wurde ihr sofort wieder schlecht, sie wurde schwindelig. Es drohte Bewußseinsschwund. Sie mußte sich heimbringen lassen. Die Sehfähigkeit war noch geringer geworden. Am Kirchweihmontag, dem 21. Oktober 1918, konnte sie sich beim Auf stehen nicht auf den Füßen halten, sondern mußte sich sofort wieder niederlegen. Die Mutter vermutete einen Anfall von Grippe, wie sie bei ihr selbst und den übrigen daheim befindlichen Mitgliedern der Familie, mit Ausnahme der Schwester Kreszentia, schon ausgebrochen war. Es war ja gerade die Zeit einer großen Grippeepidemie. Die Sehschwäche nahm während des Montags steigend zu, so daß sie, wie das folgende zeigt, in der Nacht vom Montag zum Dienstag im wesentlichen nur mehr hell und dunkel unterscheiden konnte.

Der Eintritt der völligen Bettlägerigkeit und der Winter 1918/19

Am Kirchweihdienstag, dem 22. Oktober 1918, mußte Therese Neumann früh morgens, kurz nach Mitternacht, einmal auf den Krankenstuhl gehen. Beim Sitzen sackte sie völlig zusammen und konnte sich kaum mehr aufrichten. Es erschienen ihr dabei alle Farben vor den Augen. Sie mußte ins Bett getragen werden. Ihr wurde so elend, daß sie um 2 Uhr in der Frühe ihre Mutter bat, den Pfarrer zu holen, der sie auch mit den Sterbesakramenten versah. Dabei sah sie den Pfarrer nur mehr als eine weiße Gestalt - wegen seines weißen Chorrockes dastehen- und unterschied ihn von dem Ministrantenknaben allein durch die Größe. Die Stubeneinrichtung selbst konnte sie nicht erkennen.

In diesen Tagen nach dem Kirchweihsonntag (20. Oktober 1918) befand sich die Familie Neumann also in folgender bejammernswerter Lage. Der Vater stand beim Heer in Lüttich. Die Mutter, die ; damals die hauptsächlichste Ernährerin der Familie war, war grippekrank. Ebenso befanden sich alle ihre Kinder, auch die sonst im Dienst befindlichen, mit Ausnahme der Tochter Kreszentia, krank im Elternhause. Denn sie litten ebenfalls an der Grippe. Auch ihre Tochter Therese war von ihr erfaßt, sie hatte einen heftigen Husten zu den übrigen Leiden hinzuerhalten und schien sogar jeden Augenblick sterben zu sollen. So entschloß sich der Bürgermeister, die Beurlaubung des Vaters zu beantragen, der dann auch bald in Konnersreuth eintraf, in der Überzeugung, seine Tochter Therese liege im Sterben. Als er an ihr Bett trat, vermochte sie ihn nicht mehr zu erkennen.

Bevor er aber heimkam, war es der Mutter gelungen, ärztliche Hilfe für ihre kranke Familie zu gewinnen, was damals nicht leicht war. Denn die Grippe herrschte - allenthalben sehr stark, und es war für die Einwohner von Konnersreuth, in dem kein Arzt ansässig war, schwierig, einen Arzt zu erreichen. Dr. Burkhardt wurde ebenfalls durch die Epidemie in seinem engeren Wirkungskreis um Hohenberg festgehalten. Kam zufällig irgendein Arzt nach Konnersreuth, so wurde er sogleich von vielen um Rat gebeten. Die Ärzte nahmen auf diese Umstände Rücksicht und suchten der Not zu wehren, indem sie möglichst in jedes Haus gingen, wohin man sie rief. Zufällig kam der Arzt Hitzelsberger aus Mitterteich am 23. Oktober nach Konnersreuth. Die Mutter, die davon erfahren hatte, bat ihn, auch ihre kranke Familie zu untersuchen. Die Kranken lagen sämtlich in dem Giebelzimmer. Therese erzählt, wie der Arzt von einem zum andern gegangen sei und gesagt habe: "Du wirst wieder gesund." Zu ihr habe er gesagt: ;,Du wirst schon wieder gesund werden." Sie habe den Unterschied im Wortlaut wohl gemerkt und sei auf den Arzt böse gewesen. In ihrem Zorn habe sie nach seinem Fortgang sein Urteil in seinem Tonfall oft nachgesprochen. Ein heute noch im Besitze ihres Vaters befindliches Rezept dieses Arztes für eine "Tochter Neumann", das übliche Arzneien gegen die Grippe verordnet, aber eben wegen seiner allgemeinen Angabe der Patientin nicht sicher auf Therese Neumann zu beziehen ist, trägt die Zeitangabe: "Konnersreuth 23. X. 18". Für Therese Neumann verordnete Hitzelsberger am gleichen Tage Kampfer und am folgenden oder nächstfolgenden Tage Digitalis, also Mittel zur Herzbelebung.

In der oberen Stube, in der Therese Neumann lag, befanden sich - wie schon gesagt auch die übrigen Grippekranken der Familie, von denen einige bereits außer Bett weilen konnten, während andere noch bettlägerig waren und der Sohn Engelbert im Fieberdelirium laut sang. Von Therese Neumann nahm die Mutter an, daß sie jeden Augenblick an der Grippe sterben könnte. Damit sie, die unten in der Küche und im Stall zu tun hatte, ihre Tochter leichter beobachten und versorgen konnte, trug sie sie auf ihren Armen in die Arbeitsstube zu ebener Erde hinunter, Dabei bekam Therese Neumann, der bei ihrer Schwäche der Kopf tief über der Mutter Arm hinabsank, einen ganz schweren Krampf mit Bewußtlosigkeit. Sie vermochte neun Tage lang die Augen überhaupt nicht zu öffnen; zog man ihr die Lider auseinander, so zeigte sich, daß die Pupillen nach oben zu den Nasenwinkeln standen. Man sah fast nur das Weiße der Augäpfel. Dabei schmerzte sie der Kopf und alle Glieder heftig; ebenso die schmerzhafte Stelle im Kreuz. Als sie wieder aus eigener Kraft die Augen öffnen konnte, hatte sich eine Besserung der Sehfähigkeit nicht eingestellt. Irgendeinen Lichtschimmer während dieser Zeit wahrgenommen zu haben, kann sie sich nicht erinnern.

Mit ihren Augen hat sich der Arzt Hitzelsberger nach Therese Neumanns Erinnerung eingehender beschäftigt. Er hielt ihr Gegenstände vors Auge, die sie bezeichnen sollte. Da sie sie nicht zu erkennen vermochte, langte sie mit der Hand darnach, was ihr der Arzt untersagte. Sie erfuhr hernach, daß er seine Uhr, seine Schlüssel und sein Messer ihr vor die Augen gehalten hatte. Am 27. bzw. 28. November 1918 erhielt sie von ihm Morphium muriat. 0,2, Atropin sulfur. 0,02/20,0, Spirit. 10,0 verordnet, also ein Mittel, das Schmerzen lindern und vielleicht auch auf die Augen wirken sollte. In dieser Zeit der Hochflut der Grippeepidemie hat `offenbar aus den angegebenen Gründen auch Dr. Frank-Waldsassen gelegentlich die Familie Neumann besucht. Ob er jetzt schon auch Therese behandelte, ist nicht sicher festzustellen. Gewiß ist nur, daß es im Januar geschah.

Auch nach dem Unfall am Kirchweihsamstag 1918 dauerten die Blasen- und Darmstörungen bei Therese Neumann weiter an. Da sie nun dauernd bettlägerig war, erhielten die Eltern jetzt von ihnen Kenntnis. Die Mutter gab ihr sogenannte Wickelkinder-Kissen zum Unterlegen, damit das Unterbett, das ihr über den Strohsack gebreitet war, etwas geschont würde. Gummiunterlagen kannte die Mutter nicht. Offenbar weil Therese Neumann nicht mehr viel trank und fast gar nichts Festes, sondern meist nur ein wenig Breiiges aß, waren die Ausscheidungen nicht häufig. Manchmal in Zeiten, wo ihr etwas leichter war, wie sie sich ausdrückte, merkte sie die Ausscheidungen, doch konnte sie sie nicht halten. Die Flecken sind aus dem Bettzeug nicht mehr herausgegangen. Bei den Darmausscheidungen wandte die Mutter meist das Verfahren an, sie eine Zeitlang auf den Krankenstuhl zu setzen, bis durch das Aufrechtsitzen der Stuhl von selbst abging. "Eine Anstrengung dazu hat nichts genützt. Das war nicht so, daß man sich hätte helfen können." Als ich sie fragte, ob sie unter "Anstrengung" die Tätigkeit der Bauchpresse verstehe, sagte sie, sie wisse das nicht mehr. Auch der Brechzwang blieb.

Vom November 1918 an besuchte Dr. Burkhardt wieder seine frühere Patientin in Konnersreuth. Das Nachlassen der Grippeepidemie gab ihm dazu die Möglichkeit. Er untersuchte sie sehr eingehend und erfuhr jetzt auch von den Blasen- und Darmstörungen. Therese Neumann berichtete, er habe erneut ihren Rücken untersucht und ihr mit Nadeln an den verschiedensten Stellen in die Beine gestochen - auch die Mutter konnte sich dessen erinnern und ihr befohlen anzugeben, wo sie Schmerz fühle. Sie aber habe nichts gespürt, obwohl die Eltern ihr nachher sagten, die Stichstellen hätten geblutet. Da sie so gelagert war, daß sie von diesen Maßnahmen nichts sehen konnte sie hätte übrigens, wie sie sagte, auch wegen der Sehschwäche ihrer Augen das Stechen nicht wahrnehmen können so suchte sie mit den Händen die Beine abzufühlen, was Dr. Burkhardt aber nicht zuließ. Bei dieser Untersuchung murmelte er oft vor sich hin: "Schlimme Geschicht, schlimme Geschicht." Er kam dann auf ihre Augen zu sprechen und fragte sie, ob sie nicht einmal mit dem Kopf aufgefallen sei. Sie antwortete, sie sei öfters gefallen und zwar sei sie das erste Mal schon gleich im Frühling beim Sturz von der Kellerstiege mit dem Hinterkopf aufgeschlagen.

Dr. Burkhardt riet ihr an, ruhig zu liegen und ermahnte die Angehörigen, ja recht vorsichtig zu sein, wenn sie sie aus dem Bette und wieder zurückhöben. Therese Neumann erklärte mir, sie habe in ihrem damaligen leidenschaftlichen Drang, wieder gesund zu werden, genau auf alles geachtet, was dieser Arzt, der ihr Vertrauen besaß, sagte. Deshalb habe es sich ihrem Gedächtnis besonders eingeprägt. Als Kur verordnete Dr. Burkhardt Moorbäder. Therese Neumann und die Eltern können die Zeit hierfür deshalb sicherer angeben, weil man noch den Torf aus einem der Moore der Umgegend holen konnte, da diese noch nicht zugefroren waren, wie das in der kalten Fichtelgebirgsgegend im tiefen Winter regelmäßig geschieht. Die Eltern entliehen sich von einem Nachbarn namens Männer, der ein Schmied ist, eine Badewanne und bereiteten ihr im Zimmer das Bad. Therese Neumann schildert heute noch mit leichtem Grausen ihre Moorbäder. Ins Bad, das ihr wegen des "Drecks" Widerwillen einflößte, wurde sie gehoben, indem man sie an den Schultern und Füßen faßte und hineinsenkte. Sie erlitt dabei regelmäßig einen Krampf und eine Ohnmacht. Sie bezeichnete mir gegenüber als Ursache für diese Erscheinungen, daß das Bad ihr zu stark war. Dann wurde sie in der Badewanne auf ein Stühlchen gesetzt, mit warmem Wasser abgespült Und immer noch ohnmächtig und mit im Krampf zuckenden Gliedern wieder ins Bett getragen. Als Dr. Burkhardt, der sie in der Regel jede Woche einmal besuchte, hiervon erfuhr, es waren zwei Bäderversuche gemacht worden, hieß er mit den Worten "Laßt es sein, das arme Kind!" von dieser Kur Abstand zu nehmen. Er ermahnte Therese Neumann, viel Geduld zu haben und riet wieder zur Vorsicht, wenn man sie aus dem Bett heben müsse. Tee ließ er sie weiter trinken. Auch verordnete er ihr nach ihrer Angabe Mittel fürs Herz; nach einer Verordnung vom Dezember 1918 erhielt sie Digitalis, ferner gegen die Krämpfe und Schmerzen Natrium Bromatum, Morphium und außerdem Pyramidon.

Vom Kirchweihdienstag, dem 22. Oktober 1918, an war also Therese Neumann ständig ans Bett gefesselt. Sie war zunächst im Giebelzimmer oben und dann und zwar bis zum März 1919 im Erdgeschoß des Hauses in. der Arbeits- und Wohnstube untergebracht, die neben der Küche lag. So befand sich in der Regel mindestens ein Angehöriges meist der in der Stube nähende Vater oder die daneben in der Küche tätige Mutter in der Nähe, wenn Hilfeleistungen nötig waren. Der Zustand ihrer unteren Gliedmaßen war in der Folgezeit nicht ganz gleichmäßig. Die Empfindungsfähigkeit wechselte von völliger Empfindungslosigkeit, wie bei Burkhardts Untersuchung, bis zu einem gewissen, an den beiden Beinen verschiedenen Empfindungsgrad. Die Bewegungsfähigkeit war in der Folgezeit durchwegs ganz gering, und zwar konnte vor allem das Kniegelenk ein wenig bewegt werden. Daß einzelne Unfälle auch diesen Zustand zeitweilig änderten, werden die folgenden Zeilen berichten. Kraft in den Beinen besaß sie bis zur Heilung von der Lähmung nicht mehr. Ebenso war sie nicht mehr imstande, sich aus eigener Kraft im Bette aufzurichten oder aufrechtzuhalten. Richtete sie jemand auf, so mußte sie sich an irgend etwas anhalten, damit sie nicht nach vorn hinüberfiel. Sie hatte dabei ein ständiges Schmerzgefühl im Kreuz mit Ausstrahlung der Schmerzen bis zum Genick und Hinterkopf hinauf und in die Füße hinunter, sowie Schmerzen im Leib (Gürtelschmerz). Anfänglich vermochte sie sich wenigstens zeitweilig noch aus eigener Kraft im Bett von einer Körperseite auf die andere zu legen, später verlor sie auch diese. Fähigkeit, sich zu drehen. Denn bei späteren Versuchen setzten jedesmal sofort Krämpfe und Bewußtlosigkeit ein. Sie gab die Zeit des Auftretens dieser Erscheinung in der Weise an, daß sie sagte: als sie unten lag und anfangs auch oben, habe sie sich noch im Bett drehen können. Dazu hatte sie ständig Kopfschmerz.

Zu Anfang des Winters 1918 traten die Krämpfe besonders heftig, auf. So wurde sie beim Aufrichten in den Armen der Mutter unter Krämpfen bewußtlos, wenn das Aufgerichtetsein wie sie meinte etwa fünf Minuten überschritt. Die Anfälle beim Baden in der Badewanne haben wir bereits erwähnt. Krämpfe stellten sich überhaupt ein, wenn sie sich selbst im Bette etwas bewegen, umdrehen, heben oder dehnen (strecken) wollte. Am schlimmsten war es, wenn der Oberkörper auf der schmerzenden Stelle der Wirbelsäule lastete. Bei den Krämpfen schwitzte sie stark und "strampelte sich bloß", so daß sie sich regelmäßig erkältete, wenn gerade niemand anwesend war, der sie zudeckte. Sie litt deshalb jetzt und während der ganzen Zeit, in der Krämpfe auftraten, häufig an heftigem Husten.

Zum Zwecke des Bettmachens wurde sie in das zweite im Zimmer befindliche Bett hinübergetragen oder auf den Krankenstuhl gesetzt, auf dem sie vornübergebeugt saß, wobei sie sich mit dem Kopf und den Händen auf die Lehne eines davorgestellten Stuhles stützte. Doch mußte sie immer von jemandem meist war es der Vater - hinten im Genick an der Nachtjacke gehalten werden, sonst fiel sie leicht hinunter. Ebenso war es, wenn sie auf den Krankenstuhl gesetzt wurde. Zwar wurde stets ein Stuhl mit Lehne vor sie hingestellt, damit sie den Kopf und die Hände auf die Stuhllehne legen und sich an ihr festhalten konnte. Der Krankenstuhl hatte nämlich keine Lehnen. Denn er war von ihrem Vater nur notdürftig aus einem früher selbstgefertigten festen Kindergehstuhl hergerichtet, weil das Geld zum Kaufe eines richtigen fehlte. Deshalb geschah es. jetzt und in der Folgezeit öfters, daß ihr Kopf und Oberkörper - meist seitlich - von der Stuhllehne abrutschten und sie zu Boden fiel. Es konnte dies dann geschehen, wenn diejenige Person, die sie halten sollte, aus irgendeinem Grunde sie plötzlich sich selbst überlassen mußte. Auch auf dem Krankenstuhl bekam sie öfters Krämpfe und Zuckungen mit Emporschnellen des ganzen Körpers, wenn sie nicht rasch wieder niedergelegt wurde.

Die Krämpfe gingen in der Weise vor sich, daß "es sie erst riß, dann zusammenzog und sie ganz steif wurde", und zwar "wie Eisen", so daß der ganze Körper mitging, wenn man gewaltsam ein Glied hochzuheben suchte. Bei solchen Krämpfen, in denen es sie bisweilen mit dem ganzen Körper emporschnellte, kam es öfters vor, daß es sie aus dem Bett warf, und zwar vor allem dann, wenn der Strohsack neu aufgeschüttet, also hoch war, und sich mit seinem oberen Rande annähernd in einer Ebene zu dem gegen das Hinausfallen der Therese Neumann an der Vorderseite des Bettes angebrachten Brett befand. Manche Krämpfe waren auch von einem sehr heftigen Aufeinanderbeißen der Zähne begleitet, was im Laufe der Jahre zur Absprengung der oberen Schneidezähne führte, so daß zeitweilig starke Zahn- und Gesichtsschmerzen auftraten, bis die bloßgelegten Nerven auseiterten und abstarben. Doch hat Therese Neumann auch jetzt noch gelegentlich Zahnschmerzen. Um das Aufeinanderbeißen der Zähne zu verhindern, band man ihr vom Hinterkopfe her ein Tuch ums Kinn. Die Mutter berichtete auch, daß sie sich bei einem Krampf einmal in die Zunge gebissen habe. Dagegen wurde nie beobachtet, daß ihr Schaum vor den Mund getreten ist. Sofort mit dem Einsetzen der Krämpfe wurde ihr "immer duselig"; dagegen weiß sie nicht sicher, ob sich dieser Zustand der Benommenheit jedesmal zu einer vollen Ohnmacht entwickelte.

Nachdem Therese Neumann dauernd bettlägerig geworden war und ihre Mutter ihr auch beim Wechseln des Hemdes helfen mußte, bemerkte diese eines Tages an ihrem mittlerweile stark abgemagerten Körper eine Veränderung im Kreuz. Dr. Burkhardt hatte bei der ihm eigenen Schweigsamkeit keine weiteren Andeutungen über Therese Neumanns Verletzung gemacht, als oben wiedergegeben sind. Als nun die Mutter ihr einmal an die Lendenwirbel - das "Kreuz" langte, schrie sie laut auf. Die Mutter betrachtete darauf die Stelle genauer, brach in die Worte aus: "Ja, was ist denn dies?" und rief den Vater.

Ich habe den Vater Neumann selbst genau über seine Beobachtungen an der Wirbelsäule seiner Tochter befragt es war an seinem Arbeitstisch in seinem Konnersreuther Haus. Er nahm zunächst ein Stück Kreide und zeichnete mir auf einem Stück dunklen Tuchs, das er gerade zuschnitt, die Dornfortsätze der Wirbelsäule in der Form einer punktierten Linie auf. In der Lendenwirbelgegend rückte er zwei Dornfortsätze nach rechts aus und zwar nicht in schiefer Stellung, sondern wagerecht, so daß diese zwei Dornfortsätze in einer senkrechten Parallellinie zu den übrigen der Wirbelsäule zu stehen kamen. Er erklärte dazu, seines Erachtens seien zwei Dornfortsätze "zwei Knöpperle" etwas nach rechts und nach vorne in das Innere des Körpers verschoben gewesen. Die Mutter bestätigte diese Schilderung. Der Vater Neumann hält trotz aller Einwendungen von Ärzten unbedingt an seiner Beobachtung fest. Vorausnehmend sei erwähnt, daß die Mallersdorf er Krankenschwester Regintrudis erklärte, die gleiche Beobachtung gemacht zu haben. Pfarrer Naber vermag sich zu erinnern, daß diese Schwester Regintrudis zu ihm sagte: "Wenn man Theresens Rückgrat mit der Hand entlang fährt, spürt man im Kreuz eine Vertiefung nach innen und nach der Seite nach rechts." Therese Neumann hat damals bei der ersten Entdeckung dieser Erscheinung durch die Mutter und später noch öfter ihre Lendenwirbelsäule abgefühlt. Sie erklärte mir, die gleiche Wahrnehmung gemacht zu haben, so oft sie sich an die schmerzende Stelle griff. Diese Bewegung der Arme nach hinten zur Abtastung des Kreuzes habe ihr des öfteren Krämpfe ausgelöst. Eine Röntgenaufnahme liegt nicht vor; das Krankenhaus Waldsassen besaß zur Zeit, als Therese Neumann dort weilte, noch keinen Röntgenapparat.

Die Eltern beschränkten sich aber nicht auf die Abtastung. Therese Neumann berichtete mir, wie sie gemeinsam erprobt hätten, daß das "Kreuz" die Lendenwirbelsäule in seiner Mitte beweglich gewesen sei; diese Beobachtung ließ sich am besten machen, wenn Therese Neumann auf dem Krankenstuhl saß und den Kopf mit den Händen auf die Lehne des davorgestellten Stuhles legte. Dieses Sitzen vertrug sie am besten. Sie vermochte dann auch selbst die schmerzende Stelle abzutasten. Pfarrer Naher kann sich bestimmt erinnern, selbst einmal zu Therese Neumann während der Zeit ihrer Bettlägerigkeit gesagt zu haben : "Solang nicht deine Stelle im Kreuz geheilt ist, so lange nützt all euer Kurieren nichts". Dagegen hielt sie ein Sitzen im Bett mit Anlehnung des Rückens an die Kopfkissen nicht aus.

Dr. Burkhardt sah wie Therese Neumann und ihre Mutter berichteten auch nach dem Abbruch der Moorbäderbehandlung immer wieder meist wöchentlich einmal nach seiner Patientin. Er untersuchte auch von Zeit zu Zeit ihren Rücken, obwohl er eine eigentliche Kur nach seinem Geständnis : "Was soll ich dich noch länger plagen, es hilft ja doch nichts!" nicht mehr mit ihr vornahm. Er scheint ihr nur mehr beruhigende und schmerzlindernde Arzneien verschrieben zu haben. Tee ließ er. sie ebenfalls .weiter trinken und zwar nach Angabe der Eltern jetzt meist Birken- und Brombeerblättertee. Therese Neumann kann sich erinnern, daß er bei solchen Untersuchungen öfters vor sich hinsprach : "Schade um solch eine Kraft!" Und wenn sie in ihn drängte, sie ja gesund zu machen, da sie doch in die Mission wollte, so habe er gemurmelt: "Die Energie!" Dr. Burkhardts Besuche hörten erst infolge seines Todes am 11. Februar 1919 auf. Therese Neumann und ihre Eltern konnten sich mit seiner hoffnungslosen Auffassung nicht abfinden. Deshalb zogen sie in Unkenntnis von Dr. Burkhardt am Anfang des Januar 1919 auch wieder den Arzt Dr. Frank aus Waldsassen zu Rat, der Therese Neumann in der Zeit nach dem Kirchweihunfall behandelt hatte. Er untersuchte sie, bedauerte lebhaft ihren Zustand : "Armes Kind, du mußt ja schrecklich leiden", und verschrieb ihr eine Salbe aus Noaocain 0,2, Vasel, alb. 20,0 und ebenfalls Tee. Nach der Untersuchung erklärte er ihrem Vater, seine Tochter müsse einmal ein Vierteljahr liegen bleiben. Der Vater wurde wegen der vermeintlich zu langen Zeit unwillig und Dr. Frank gab die Behandlung auf. Bei der Untersuchung machte Therese Neumann die gleiche Wahrnehmung, die sie bei der Versehung durch den Pfarrer hatte; sie konnte den Arzt nur als unbestimmte Gestalt wahrnehmen.

Um die Mitte des Januar 1919 zog sich Therese Neumann einen neuen schweren Unfall zu. Sie scherzte zum Zeitvertreib mit ihrem jüngsten Bruder, dem damals sechsjährigen Hans. Dieser versuchte von der Vorderseite her in ihr Bett zu klettern, die durch ein Brett erhöht war, damit sie wie schon berichtet ist nicht im Krampf hinausfalle. Sie wehrte ihn ab, indem sie sich zu ihm nach rechts hinüber drehte. Dabei zog er vom Bettrand hinuntergleitend sie nach sich, so daß sie, die bei ihrer Schwäche das Gewicht des Knabens nicht mehr heben konnte, krumm schräg nach vorn rechts über den Rand des Bettes tief hinabgebeugt wurde. Es erfaßte sie ein Krampf. Sie lag darauf tagelang fast bewußtlos und hatte wiederholt Krämpfe. Sie wollte mir diesen Unfall nur ungern erzählen. Denn sie hatte ihn seinerzeit verschwiegen, damit ihr kleiner Bruder nicht von den Eltern gestraft würde. Für sie war es ja eine Zerstreuung und Wohltat, wenn die Kleinsten der Familie mit ihr spielten. Zwar widmeten sich auch die Größeren und vor allem die Eltern ihr möglichst viel. Aber deren Zeit war doch durch den Zwang zur Arbeit beschränkt. Dazu war ein Teil von ihnen in fremdem Dienst gebunden. Nachdem zu Lichtmeß 1919 ihr Bruder Engelbert beim Wirt Neumann eingetreten war, war ihre Schwester Ottilie dort ausgetreten. Sie kam nach Waldsassen zu den kinderlosen Kramerseheleuten Forster. So waren die Jüngsten zwei Knaben die natürlichen Gesellschafter ihrer bettlägerigen ältesten Schwester. Sie spielten mit ihr in kindlicher, Harmlosigkeit, ohne ihre Leiden zu bedenken, was ihr besonders wohl tat und manche lange Stunde verkürzte. Daher schwieg sie begreiflicherweise, zum Teil war sie ja auch mitschuldig wenn diese Spiele diesmal und auch später für sie zu Unfällen und Leiden führten.

Kurz nach dem Besuche Dr. Franks sah der Vater einmal zufällig von dem Fenster seiner Arbeitsstube aus, wie Sanitätsrat Dr. Seidl von Waldsassen über den Marktplatz von Konnersreuth ging. Er eilte zu dem Arzte, den er von früher her kannte und der erst vor kurzem aus dem Heeresdienst zurückgekehrt war, hinaus und bat ihn, die Behandlung seiner Tochter zu übernehmen. Als Dr. Seidl auf seine Erkundigung erfuhr, daß Dr. Frank die Behandlung aufgegeben hätte, willfahrte er der Bitte. Er verordnete ihr mit einem Rezept, das am 20. Jan. 1919 angefertigt ist, und späteren verschiedene Nervenberuhigungsmittel, so an diesem Tage Species antinervin. 100,0; Pulvis bromat. cps. 60,0. Vom Anfang des Februar 1919 an behandelte er sie offenbar wegen eines Gallensteinleidens durch wiederholte Verordnung von Chologen. Ferner versuchte er eine medikamentöse Behandlung der Magenstörungen sowie derjenigen der Blase und des Darmes. Urotropin, Bärentraubenblättertee und Chologen erhielt Therese Neumann in der Folgezeit häufiger in größeren und geringeren Zeitabschnitten.

Die Erblindung am 17. März 1919

Gegen Mitte März 1919 trat zu den bisherigen Leiden der Therese Neumann die völlige Erblindung. Zwar ließ sich der Monat zunächst günstig an. Therese Neumann fühlte sich wohler. Da sie in der Arbeitsstube lag, so hörte sie, wenn irgendein Kunde kam, und da alle sie kannten, so plauderten sie auch mit ihr. So kam am 10. März dieses Jahres ein Einwohner namens Hans Regner, um zu fragen, ob sein Anzug vom Vater Neumann fertiggestellt sei. Da letzterer nicht anwesend war, so wartete Regner und begann dabei mit Therese Neumann darüber zu sprechen, daß sich heute gerade der Tag jähre, an dem sie den Unfall beim Brande erlitten hatte. In den nächsten Tagen besuchte sie auch Dr. Seidl und verordnete ihr Mittel gegen ihre Blasenstörungen. Die Ausführung ist datiert: 13. und 16. März 1919. Therese Neumann kann sich noch sicher erinnern, daß die Besuche von Dr. Seidl Mitte März 1919 zu einer Zeit erfolgten, wo sie noch nicht völlig erblindet war. Als wahrscheinlichster Tag der Erblindung ergibt sich somit der 17. März 1919. Die Ursache war folgender Unfall. Sie hatte eines Abends auf den Krankenstuhl gesetzt werden müssen. Die Mutter benützte die Gelegenheit, ihr das Bett zu ,richten. Der Vater hielt sie, damit sie nicht herabfalle. Als er aus irgendeinem nicht mehr feststellbaren Grunde für kurze Zeit aus dem Zimmer gehen und sie sich selbst überlassen mußte, und die Mutter ihr gerade das Bett machte, stürzte sie rücklings von dem Stuhl, dessen Sitzfläche sich ungefähr sechzig Zentimeter über dem Fußboden befindet, hinunter. Sie schlug dabei mit dem Hinterkopf zunächst an den Pfosten der Küchentür, neben dem der Krankenstuhl stand, und dann auf den Steinboden der Küche auf. Ein Krampf trat ein und sie wurde ohnmächtig. Mehrere Tage lag sie in einem Zustand verminderter, ja fast völliger Bewußtlosigkeit, zu der immer wieder Krämpfe traten. Sie sagte mir, sie vermöchte diesen Bewußtseinszustand nicht recht zu beschreiben. Sie könnte nur soviel sagen: Sie habe eigentlich von sich nichts gewußt und auch fast nichts von der Außenwelt gemerkt. Sie habe sehr starke Schmerzen im Kopf und Genick gehabt und wieder sehr stark das Gefühl, daß ihr die Augen aus den Höhlen quellen. Diesmal sei es am stärksten von allen Unfällen gewesen. Ihre Augen habe sie geschlossen gehalten und außer der Mutter niemanden gekannt, der sich ihr näherte. Habe man sie angeschrien, so habe sie es dumpf vernommen, aber nicht verstanden. Sprechen konnte sie nicht, auch nicht einen Ton von sich geben. Da sie den Mund ständig fest geschlossen hielt, hat die Mutter ihn ihr auf folgende Weise gewaltsam aufgemacht. Sie hat ihr die Nase zugedrückt, so daß sie nicht atmen konnte. Da öffnete sie den Mund, um Luft , zu bekommen. Dann schüttete ihr die Mutter etwas Flüssiges in den Mund. und sie schluckte es hinunter. Diese Maßnahme hat die Mutter in der Folgezeit öfters mit ihr vornehmen müssen.

Da in der Schneiderstube Kunden und Nachbarn ausund eingingen, war es den Eltern peinlich, daß sie öfters Zeugen der Krämpfe ihrer Tochter wurden, zumal solche unfreiwillige Zeugen wiederholt äußerten, der Anblick sei so schauerlich, daß sie ihn nicht noch einmal erleben möchten. Sie trugen sie daher wieder in das Zimmer im ersten Stock hinauf, das sie nun bis zur völligen Heilung von der Lähmung nicht mehr verließ. Ihr Zustand war während dieser Tage einmal derart besorgniserregend, daß der Pfarrer bis 2 Uhr nachts bei ihr blieb. Als sie das erste Mal wieder die Augen öffnete, schien es ihr Nacht zu sein. Deshalb rief sie ihrer Mutter, die sie im Zimmer mit dem Vater sprechen hörte, zu: "Mutter, dreh doch das Licht auf !" Die verblüffte Mutter antwortete, es sei doch erst Mittag und ohnehin hell. Vor Therese Neumanns Augen aber war es finster, sie war vollständig erblindet.

Die Eltern waren der Überzeugung, die Erblindung werde wieder weichen, wie ja auch die Krämpfe und Ohnmachten immer wieder aufhörten. Sie trösteten deshalb ihre Tochter: das werde sich schon wieder geben. Von Tag zu Tag erwartete man zunächst, daß ihr das Augenlicht zurückkehren werde. Aber dieser Tag sollte jahrelang nicht erscheinen. Therese Neumann berichtete, daß sie von dem Augenblick an, wo sie nach dem Sturz von dem Krankenstuhl sich wieder genauer beobachten konnte, bis zur Heilung von der Blindheit eine sehr herabgesetzte Empfindungsfähigkeit an den Augen hatte. Sie legte öfters den Finger direkt auf den Augapfel, besonders auf die Hornhaut, um ihre Empfindungsfähigkeit zu prüfen, so daß die Mutter sie ermahnte, nicht so oft an die Augäpfel zu langen. Es könnte das schaden und es könnten bei Unterlassung derartiger Berührungen ihre Augen vielleicht doch wieder gut werden. Bei diesen Berührungen der Augen nach der Erblindung hatte sie links nur eine dumpfe Empfindung, rechts war die Empfindung stärker, wie überhaupt alle Krankheitserscheinungen bei ihr links stärker ausgeprägt waren als rechts. Auf Befragen antwortete sie, daß sie mit den Fingern bei offenen Lidern auf den freien Teil des Auges wie schon gesagt besonders auf die Hornhaut gelangt habe, aber nicht mit der Fingerspitze zwischen die Augäpfel und die Lider hineingefahren sei. Ob ihre Augen bei dieser Berührung der Augäpfel getränt haben und ob ein Lidreflex sich zeigte, wußte sie nicht mehr mit Sicherheit anzugeben. Dagegen wußte sie noch, daß der Lidschluß viel seltener auftrat als in den vorausgegangenen gesunden Zeiten. Beim Schlafen hielt sie die Lider geschlossen. Von denen, die sie sahen, hörte sie, daß ihre Pupillen groß und glasig gewesen sind und daß sie starr geschaut hat. Die Pupillen waren gegenüber ihrem Zustand in gesunden Tagen stark vergrößert. Als Dr. Seidl ihre Augen untersuchte, hat er nach dem Bericht von Therese Neumann diese Erscheinungen "beredet" und gesagt, die Pupillen seien sehr groß. Sie vermochte aber die Augen willkürlich im Kopf zu bewegen. Sie pflegte sie, wenn sie mit jemanden sprach, in die Richtung zudrehen, aus der der Klang der Stimme kam, so daß sie auf solche Besucher, die von ihrer Blindheit nichts wußten, den Eindruck machte, als sähe sie sie an. So erzählte sie, ein Jesuitenpater Kunz habe ihr einmal als Neupriester die Kommunion gereicht. Er habe dabei nicht gemerkt, daß sie blind war; es sei ihm nur aufgefallen, daß sie so starr geschaut habe. Als ich sie aufforderte, mir näher zu schildern, welche Beobachtungen über das Gefühl des Herausquellens der Augen sie während ihrer Krankheitszeit gemacht habe, erzählte sie mir: Nach dem Sturz von der Kellertreppe habe sie ein solches Gefühl des Schmerzes im Kopf gehabt, als ob ihr die Augen herausfallen möchten. Dieses Gefühl habe sich aber von dem Gefühl des Herausquellens der Augäpfel aus den Augenhöhlen, das sie später beim Anschlagen ihres Kopfes gehabt habe, unterschieden. Das letztere Gefühl habe sie erstmals nach dem Sturz von der Leiter gehabt. Und der Stärkegrad dieses Gefühls habe je nach der Stärke des Unfalls, d. h. des Kopfanschlagens, gewechselt. Sie habe dieses Gefühl auch dann gehabt, wenn sie bloß zusammengestürzt gewesen sei und dabei den Kopf angeschlagen habe. Aber dann sei es leicht gewesen. Am stärksten, und zwar ganz stark, sei es erst nach dem Sturz vom Krankenstuhl gewesen. Hier sei es "erst richtig" gewesen. Nachdem sie diesen Bericht gegeben hatte, befragte ich Therese Neumann, ob etwa an den äußern Augenlidern nach den starken Stürzen Veränderungen bemerkt worden seien. Sie verneinte. Darauf fragte ich direkt, ob ihr irgendwann einmal nach solchen Stürzen die Lider blutunterlaufen gewesen seien. Sie verneinte abermals und erklärte, sie könne sich jedenfalls nicht daran erinnern. "Mei, wer hat danach g'schaut", sagte sie und deutete damit, wie öfters, an, daß man unter den damaligen Verhältnissen Erscheinungen, die in ihren Gesundheitszustand nicht tiefer eingriffen, keine Beachtung zu schenken pflegte. Was ihre Sehfähigkeit betraf, so war der Zustand, den ihre Sehschwäche bei der Versehung mit den Sterbesakramenten am Dienstag nach Kirchweih 1918 aufwies, bis zum Sturz vom Krankenstuhl gleichgeblieben. Sie erklärte mir, sie sei fähig gewesen, "Tag und Nacht zu unterscheiden", sie vermochte auch bei künstlichem Licht hell und dunkel zu unterscheiden, denn die Versehung vollzog sich früh morgens 1/2 2 Uhr am 23. Oktober, also bei künstlichem Licht.

Von der Erblindung bis zu deren Heilung am 29. April 1923

Die Leidensgeschichte der Therese Neumann ließ sich, wie der Leser aus dem Vorausgegangenen ersah, bis zu ihrer dauernden Bettlägerigkeit in ihren Einzelheiten ziemlich weitgehend ermitteln. Die Gründe liegen wohl vor allem darin, daß sich die wichtigsten Geschehnisse ihrer Art nach als Sonderereignis hervorheben und auch wegen ihrer Unerwartetheit und ihrer unglücklichen Folgen sich dem Gedächtnisse von Therese Neumann und ihren Angehörigen besser einprägten. Sie hoben sich in den Bemühungen, ein tätiges Leben .weiterzuführen, zumeist als sinnfällige Unfälle auch durch ihre Vorgeschichte heraus. Nach dem Eintritt der dauernden Lähmung aber verlor sich, wie schon zu bemerken war, diese Abwechslung in den Geschehnissen erheblich. Mit dem ständig gleichen Liegen im Bett tritt eine ihrer äußeren Art nach gleichförmige, sich im Einzelvorgang wenig mehr unterscheidende auslösende Ursache von Krämpfen in den Vordergrund. Das sind die willkürlichen Bewegungen, die Therese Neumann selbst im Bette vornahm, wenn sie sich drehte oder mit dem rechten Arm sich an dem das Bett überhöhenden Brett näher zu dem Davorstehenden zog oder aufrichtete. Therese Neumann kann sich erinnern, daß sie einmal aus Anlaß einer Volksmission in Konnersreuth ein Pater Berard besuchte. Sie hörte ihn kommen und wollte sich aufrichten. Da erfaßte sie ein Krampf, so daß der Pater sie fragte: "Resl, fürchtest du mich?" Die gleiche Wirkung lösten auch Bewegungen aus, die mit ihr regelmäßig vorgenommen werden mußten. Solche waren besonders beim Bettmachen, beim Wechseln des Strohs und der Bettwäsche, beim Leibwäschewechseln, bei der Verbringung auf den Krankenstuhl usw. nötig.

Neben diesen regelmäßigen Ursachen tauchten in der Erinnerung der Therese Neumann gelegentlich außergewöhnliche auf, die durch irgendein besonderes Geschehen bedingt waren. Auch sie zeigen sich stets als Bewegungen ihres Körpers. Aber auch solche Geschehnisse, wie z. B. Unfälle beim Spielen mit den kleinen Brüdern usw., waren zumeist Geschehnisse des Alltags. Sie knüpften nicht an Ereignisse des bürgerlichen oder kirchlichen Jahres und sind deshalb zeitlich gar nicht oder nur sehr annähernd bestimmbar.

Bekanntlich hatte bereits Dr. Burkhardt größte Vorsicht bei Bewegungen der Therese Neumann angeraten. Da er aber unterlassen hatte, den Grund für diesen Rat anzugeben, und auch der Kranken selbst und ihren Angehörigen keinen Einblick in die Art ihrer Verletzung gegeben hatte, ist es verständlich, daß diese den Rat nicht sachgemäß zu befolgen vermochten. Den Arzt näher zu befragen, scheute man sich. Therese Neumann antwortete noch am 15. September 1928 auf meine Frage, warum sie und ihre Eltern von den sie behandelnden Ärzten nicht genaueren Aufschluß über ihre Ansicht von der Natur ihres Leidens gefordert hätten, ganz erstaunt: "Ja, kann man denn das?"

Für die Schilderung der folgenden Jahre hat der Leser also zu beachten, daß die schon genauer behandelten regelmäßigen Ursachen von Krämpfen der Therese Neumann weiter wirkten und natürlich auch zu zahlreichen Anfällen führten. Wir heben hier nur jene besonderen Geschehnisse hervor, welche sich in ihrem Zusammenhange näher klarstellen lassen.

In der zweiten Hälfte des Januar 1919 hatte Dr. Seidl in Waldsassen, wie schon gesagt, die Behandlung der Therese Neumann übernommen. Dr. Seidl hat sich über seine Beobachtungen bisher leider nicht öffentlich geäußert. Er hat zwar festgestellt, daß Professor Ewald in seinem Untersuchungsbericht ein Gutachten von Seidl vom Sommer 1927 spaltenweise wörtlich benützt habe. Da aber Professor Ewald nicht durch Anführungszeichen kenntlich macht, wo er Dr. Seidls Niederschrift wörtlich wiedergibt und wo und welche Streichungen er macht, kann der Ewaldsche Bericht nicht als Quelle für Dr. Seidls Beobachtungen benutzt werden. Auch im Beleidigungsprozeß Aigner gegen v. Lama vor dem Amtsgericht München-Au am 15. April 1929 hat Dr. Seidl als Zeuge nicht angegeben, aus welchen Gründen er seinerzeit bei den Verhandlungen um eine Invaliditätsrente für Therese Neumann nach dem Bayerischen Kurier ( "Aus Welt und Kirche", Beilage zu "Bayer. Kurier" vom 17. April 1929.) folgendes Gutachten abgab "Schwerste Hysterie mit Blindheit und teilweiser Lähmung. Die Krankheit wird als Unfallfolge begutachtet, da Patientin nach allgemeiner Aussage früher ein vollkommen gesundes, äußerst kräftiges und arbeitsames Mädchen war, das wie ein Knecht arbeitete, aus einer nicht belasteten Familie stammt und erst seit dem Brand krank ist." Da Herr Dr. Seidl mir persönlich erklärt hat, er beabsichtige über seine Erfahrungen bei der Behandlung der Therese Neumann eine Arbeit zu veröffentlichen, habe ich begreiflicherweise davon Abstand genommen, ihn um Angabe seiner Beobachtungen zu bitten. Wir sind daher vorläufig noch auf Äußerungen der Therese Neumann, der Angehörigen und anderer Zeugen zum Teil auch auf die erhaltenen Rezepte angewiesen. Danach hat Dr. Seidl die Kniescheiben-(Patellar-)reflexe der Therese Neumann geprüft. Sie lag dabei schon im oberen Zimmer. Das eine Mal hätten sich die Beine bewegt, das andere Mal nicht. Das linke Bein hat sich nach diesen Aussagen selten bewegt. Ob die Bewegungen (die Reflexe) zeitweilig übersteigert waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Dr. Seidl untersuchte auch ihren Rücken. Es wird von den Eltern und Therese berichtet, daß er die Stelle im Rücken, an der ein Druck bei ihr Schmerzensschreie und Zuckungen auslöste, mittels eines Kreuzes bezeichnet habe. Er versuchte auch eine Untersuchung ihrer Augen mit dem Augenspiegel. Er setzte sie dazu im Bette auf und sie mußte sich etwas zur linken Seite hinüberdrehen, um sich ihm, der neben dem Bette stand, zuzuwenden. Mit dem Aufgesetztwerden wurde ihr schlecht und sie bekam mit der sogleich darauffolgenden Drehung nach links einen Krampf und eine Ohnmacht. An eine Lichtempfindung kann sie sich nicht erinnern. Die Untersuchung mit dem Augenspiegel kam wegen des Krampfes nicht zustande. Sie fand schon im oberen Zimmer statt, woraus sich als obere Zeitgrenze die des letzten Drittels des -März 1919 ergibt.

Der nächste schwere Unfall, der Therese Neumann zustieß, schließt sich an eine Wohltat an, die ihr die Waldsassener Verwandten erwiesen, bei denen ihre Schwester Ottilie, wie schon berichtet ist, seit Lichtmeß 1919 lebte. Ottilie brachte ihr bei einem Besuch im Mai oder Juni 1919 zwei junge weiße Tauben. Eine von diesen wurde geschlachtet und für sie zubereitet. Doch mußte sie sie bald nach dem Essen wieder von sich geben. Darauf ließ man die andere leben. Sie wurde in dem Zimmer gehalten, in dem die Blinde lag, die ihr auf dem Fußboden vor dem Bette Futter streute und sich an ihrem Trippeln und Picken erfreute. Das Futter war in einem Blumentopfuntersatz zu oberst in dem Koffer links neben dem Kopfende ihres Bettes aufbewahrt, der ihr "Hab und Gut" an Wäsche usw. enthielt. Nicht an jedem Tage hatte sie die Kraft, den Kofferdeckel zu heben. Einmal nun wollte sie mit der linken Hand Futter entnehmen. Es gelang ihr auch, den Deckel zu öffnen. Sie hatte sich aber zu weit hinübergebeugt. Der im Kreuz haltlose Oberkörper sank über das Brett hinab, mit dem die vordere Seitenwand des Bettes überhöht war. Ihre Versuche, mit dem Oberkörper ins Bett zurückzugelangen, waren erfolglos, so da ß sie um Hilfe schrie und schließlich von Angehörigen hineingehoben wurde, die ihre Rufe vernommen hatten. Da sie aber doch einige Zeit so gehangen und sich zappelnd abgemüht hatte, bekam sie Krämpfe und wurde bewußtlos. Darnach trat am linken Arm über ein Vierteljahr eine schlaffe Lähmung auf. Am linken Bein hatte sich die "Taubheit" und Empfindungslosigkeit gesteigert. Das linke Bein blieb dauernd bewegungs- und empfindungsloser als das rechte. Manchmal meinte sie, in ihm doch wieder eine gewisse Empfindung zu haben. Beim rechten Bein war zeitweilig eine leichte Bewegung im Knie möglich. Auch stellte sich eine Unfähigkeit zu sprechen ein. In den Ohren trat ein Geräusch auf, das sie folgendermaßen schilderte. Sie deutete mit der Hand in die Ferne und sagte, es war so, "als ob ein Wind ginge". Sie hätte sich gefragt: "Was wird das sein ? Das ist unheimlich, das ist so etwas Dummes, so ein Sausen". Dann hat die Taubheit eingesetzt. Sie war nicht auf beiden Ohren gleich stark. Links hörte sie nur dumpf, rechts etwas besser. Während der nach diesem Unfall etwa ein Vierteljahr dauernden Hörstörungen surrten ihr die Ohren. Sie erklärte, bei Gehörstörungen oder völligen Ertaubungen habe sie immer gleichzeitig Sausen in beiden Ohren gehabt, doch sei es rechts weniger stark gewesen als links. Auch hatte sie in solchen Zeiten ein leichtes Schwindelgefühl, zumal wenn sie aufgerichtet wurde. In der nächsten Zeit nach dem Unfall konnte sie sich nur durch Deuten mit der rechten Hand mit ihrer Umgebung verständigen. Wenn niemand im Zimmer war und sie jemanden herbeirufen wollte, so stieß sie mit der rechten Hand einen langen Haselnußstecken so lange auf den Zimmerboden, bis man das Klopfen in der darunterliegenden Arbeits- und Wohnstube hörte. Die Mutter erkannte sie an der Hand. Berührte sie ein Fremder, z. B. der Arzt, so erregte sie sich, so daß die Mutter sie erst begütigend streicheln mußte. Einmal fühlte sie plötzlich warme Tropfen auf ihre rechte Wange fallen und an der Nase entlanglaufen. Da merkte sie durch Tasten mit der Hand, daß die Mutter, über ihrer Tochter Kopf gebeugt, weinte, und deren Jammer .schnitt ihr doppelt -scharf ins Herz. Die Unfähigkeit, zu sprechen und zu hören, ging langsam wieder vorüber, letztere zuerst.

Dr. Seidl versuchte sie mit Elektrizität zu behandeln. Die Behandlung fand erst statt, als sie schon wieder etwas deutlicher hören konnte. Der Arzt elektrisierte sie am Hals. Sie sollte dabei "A" sagen, vermochte es aber nicht. Wenn er die Elektrode unter und über den Augen und an den Schläfen ansetzte, hat sie - wie sie wörtlich sagte "rechts einen dumpfen Schmerz gespürt und es hat gezuckt", links hat sie nur gespürt, "daß was herfährt". Eine Lichtempfindung hatte sie dabei nicht. Auch an den Beinen wurde sie von dem Arzte elektrisiert. Links hatte sie keine Empfindung, obwohl der Arzt wie er sagte, den stärksten Strom eingeschaltet hatte. Rechts spürte sie den Strom dumpf und das Bein zuckte. Therese Neumann kann sich erinnern, daß Dr. Seidl sie auch später noch an den Augen elektrisierte, als ihr Zustand sich ein wenig gebessert hatte. Diesmal hat sie deutlich einen Schmerz im Gesicht gespürt; in den Augen hatte sie keine Empfindung. Näheres über die Verteilung der Empfindungsfähigkeit in den verschiedenen Gesichtspartien konnte sie nicht angeben.

Von diesem Unfall an verließ sie ihrer Erinnerung nach auch die Fähigkeit, sich im Bett umzudrehen und von einer Seite auf die andere zu legen. Sie ließ sich deshalb meist von der Mutter morgens auf die linke Seite legen, weil sie dadurch das Gesicht in das Zimmer hineinkehrte und so mit Anwesenden sie erwähnte besonders die kleinen Kinder, die sie öfters besuchten, reden konnte. Diese hätten ihr doch nicht geantwortet, wenn sie den Kopf nach der rechten Seite, also das Antlitz zur Wand gerichtet, zu ihnen gesprochen hätte. Sie glaubte aber auch zeitweilig, wenigstens in der Anfangszeit ihrer dauernden Bettlägerigkeit, den Kopf auf die rechte Seite gelegt zu haben, wenngleich, besonders später, nach der völligen Erblindung und den Gehörsstörungen sie eine Neigung gehabt habe, ihren Kopf auf die linke Seite zu legen. Der Druck im Kopf schien ihr dann sich etwas zu vermindern.

Der hölzerne Koffer sollte übrigens noch- in anderer Beziehung während der Folgezeit im Leben von Therese Neumann eine Rolle spielen. Er war ein Erbstück und hatte seinerzeit dem mütterlichen Großvater als Militärkoffer gedient. Therese Neumann hatte ihn dann mitbekommen, als sie in fremden Dienst trat. Und jetzt barg er, wie schon gesagt, ihr "Hab und Gut". Des öfteren verschenkte sie davon an Befreundete, in der Hoffnung, deren Fürbitte aus Dankbarkeit möchte ihr zur Wiedergesundung verhelfen. Wenn es sie nun im Krampf aus dem Bett warf, so schlug sie dabei nicht selten mit dem Hinterkopf auf die scharfe Kofferkante auf, so daß die Mutter die Befürchtung äußerte, sie werde sich an ihr noch einmal den Kopf auseinanderschlagen.

Ein weiterer Unfall der Therese Neumann knüpft sich an ihr Spielen mit den zwei kleinsten Brüdern. Es wurde schon erwähnt, daß diese in ihrem kindlichen Unverstand wenig Rücksicht auf das Leiden ihrer ältesten Schwester nahmen. Vor allem deren Blindheit gab Anlaß zu Neckereien, wie ja Kinder gerne Blindekuh spielen. "Resl, wo bin ich?" war ein vielgeübtes Spiel. Sie tanzten dabei vor dem Bett herum und ihre blinde Schwester suchte, von der Schallrichtung geleitet, nach ihnen zu greifen. Erwischte sie sie nicht, so machten sie ihr auch manchmal eine lange Nase. Häufig beendete ein Krampf, der in Folge von Therese Neumanns Bewegungen eintrat, das heitere Spiel. Bemerkte die Mutter, wie das. Leiden ihrer Tochter so zum Anlaß kindlichen Scherzes wurde, so übermannte sie oft der Schmerz und sie mußte weinen. Auch verwies sie den Buben ihre Unart. Therese aber war den Brüdern dankbar, daß sie ihr mit ihrem Spiel die ständige Nacht kürzen halfen, und machte gern mit. So spielte man wieder einmal zu dritt - die Schwester mit den beiden Knaben, - als sie schon blind im obern Zimmer lag "Resl, wo bin ich?" Sie hatte sich mit dem linken Arm bis an den Bettrand gezogen und schlug mit der Hand, der Richtung des Klanges gemäß, nach den kleinen Schreiern vor ihrem Bette. Da faßte sie ein Krampf. Er warf sie aus dem Bett heraus und ohnmächtig lag. sie auf dem Bauch am Zimmerboden. Die Knaben, denen die Kraft fehlte, sie wieder ins Bett zu heben, nahmen in ihrer Angst vor Strafe ihr Oberbett, deckten sie damit zu und liefen zu dem nahen Neumannschen Wirtsanwesen, eine der dort bediensteten Schwestern zu holen, die sie dann wieder ins Bett hob. So erfuhren die Eltern nichts davon, denn es war gerade niemand in der unter ihrem Zimmer gelegenen Arbeitsstube anwesend, so daß ihr Fall ungehört blieb. Oft aber zeigte ein dumpfer Schlag an der Zimmerdecke dem Vater. oder der Mutter an, daß ein Krampf ihre Tochter aus dem Bett geworfen,hatte und sie kamen eilends, sie wieder hineinzuheben.

Aber nicht nur die kleinen Brüder, auch andere kleine Kinder des Ortes besuchten Therese Neumann des öfteren. Manchmal befanden sich bis zu fünfzehn in ihrer Stube und spielten mit ihr. Sie kletterten auch zu ihr ins Bett. Dabei bekam sie des öftern Krämpfe, ja, es warf sie auch aus dem Bett. Dann rannten die Kinder erschreckt davon. Nach ein paar Tagen kamen sie wieder ins Haus, fragten aber erst, ob es die Resl noch risse und ob sie noch die Augen verdrehe. Am liebsten war es Therese Neumann, wenn die kleinen Mädchen sangen. Sie forderte sie oft dazu auf. Manchmal mußte sie aber auch mitten unter dem Singen erklären, daß sie es nicht mehr hören könne, weil ihr schlechter wurde.

Der Wunsch, gesund zu werden, ließ Therese Neumann trotz aller Hoffnungslosigkeit ihrer Lage nicht los. So kam sie auf den Gedanken, ob sie die Fähigkeit, sich aufrecht zu halten und zu gehen, nicht auf eine ähnliche Weise wieder lernen könnte, wie man sie kleine Kinder lehrt. Sie dachte daran, daß man diese immer wieder auf die Füßchen stellt, sie dabei aufrecht hält und das Gehen erproben läßt. So machte sie ihrem Vater eines Sonntags folgenden Vorschlag. Sie erklärte, heute am Sonntagnachmittag hätten er und die Mutter ja Zeit und blieben ohnehin daheim bei ihr. Sie sollten sie in den Sessel setzen und wenn der zu erwartende Krampf eintrete, ruhig abwarten, was folgen würde. Die Eltern gingen. auf den Vorschlag ein, hoben sie aus dem Bett und setzten sie in den Sessel, indem sie sie an beiden Seiten hielten. Sie wurde bewußtlos und bekam einen besonders starken Krampfanfall. Dabei wurde der ganze Körper so steif, daß die Eltern nicht mehr recht wußten, wie sie sie noch ins Bett zurückbringen sollten. Der Vater gab nach dieser Erfahrung in der Zukunft zu derartigen Versuchen, auf die seine Tochter noch öfters hindrängte, keine Einwilligung mehr.

Ich habe es bei den vielen Gesprächen, die ich mit Therese Neumann über ihre Leidenszeit gehabt habe, wiederholt erlebt, wie sie in der Erinnerung von steigender Erregung gepackt wurde, wie ihr die Tränen in die Augen traten und sie fast schluchzend sagte: "Mein. Gott, wenn ich damals gewußt hätte was ich alles auszuhalten haben würde, ich glaube nicht, daß ich die Kraft zum Weiterleben behalten hätte". Sie schilderte dann, wie sie früher Krannksein nicht gekannt und das kräftige Schaffen in der Arbeit geliebt habe und wie furchtbar es ihr gewesen sei; als sie so plötzlich bresthaft und schließlich ganz. bettlägerig wurde, "unbeholfener wie ein kleines Kind". Erst mit größter seelischer Mühe und Überwindung habe sie sich in den Gedanken hineingefunden, daß ihr bestimmt sei, dauernd ans Bett gefesselt zu sein. Mit Nachdruck betonte sie mir gegenüber, sie sei auch ein junges Mädel gewesen und habe sich das Leben anders vorgestellt, als es dann gekommen sei. Schließlich habe sie sich in ihr Schicksal als Gottes Fügung finden gelernt. So sei sie dazu gekommen, für sich selbst die Sehnsucht nach Gesundheit zu verlieren. Schließlich habe sie vor allem der eine Wunsch geleitet, so zu tun, wie es Gottes Wille sei, und. gehorsam und ohne Murren seine Fügungen hinzunehmen: "Denn er weiß ja doch am besten, was für uns gut ist." Pfarrer Naber erzählte mir, sie habe schließlich eine so große innere Haftung gewonnen, daß er ihr einmal, als sie besonders elend daran war, die letzte Ölung mit den Worten brachte "Gel Resl, mit dir kann man da vernünftig reden" und sie dann zum Sterben vorbereitet habe. Nur der Kummer und die Plage, die sie unfreiwillig in ihrer Hilflosigkeit ihren Angehörigen, insbesondere ihrer Mutter, machte, bereitete ihr Schmerz, der besonders dann lebendig wurde, wenn die Mutter bei Verschlechterungen ihres Zustandes ihrer Angst, die Tochter bald ganz zu verlieren, Ausdruck gab. Mit rührender Dankbarkeit spricht Therese Neumann von der Haltung, die ihre Angehörigen, insbesondere ihre Eltern, damals ihr gegenüber eingenommen haben. Sie hätten sich, soweit es bei ihren sehr beschränkten Verhältnissen überhaupt möglich war, bemüht, das Los der Tochter zu erleichtern. Und da alle äußeren Mittel nichts halfen, so hätten sie gerade seelisch es ihr sehr erleichtert, indem sie mit ihr verkehrten, als ob sie nicht krank, sondern noch die alte, arbeitsbewährte Tochter sei. Wenn der Vater ein Stück Vieh verkaufen wollte, wenn man die ckerbestellung in Angriff nehmen wollte und sich überlegte, was man auf dieses oder jenes Feld säen oder pflanzen sollte, kurz, wenn irgendeine Frage der kleinen Wirtschaft durchzudenken war, besprachen die Eltern sie mit ihrer Tochter Therese. Eine halbe Stunde des Plauderns widmeten sie ihr stets, meist, wenn sie ihr mittels einer Feder Hühnerfett auf die Aufliegewunden des Rückens strichen und sie dann an den Ofen setzten, damit sie "den Buckel trockne", oder wenn sie sie auf die Zudecke, die auf den Boden gebreitet wurde, legten und die Mutter ihr das Bett machte. Therese Neumann sagt, ihre Angehörigen seien immer bereitwillig gewesen, sie in ihrer Hilflosigkeit zu bedienen. Wenn ein Fest war, so hielten sie sich stets in ihrem Zimmer auf. Aber auch an anderen Tagen war oft jemand bei ihr. Die Kranke war der Liebling der Familie. Abends gab ihr die Mutter stets Weihwasser und das Kreuz. Durch diese Art des Umgangs mit ihr verschafften sie ihr das Gefühl, daß sie immer noch ein wenig nützlich sein könne, wenn auch nur mit ihrem Rat. Und sie gaben ihr außerdem das Bewußtsein, daß sie trotz allen Siechtums als liebes und wichtiges Familienglied in der Vorstellung der Angehörigen lebte. Sie war nicht die lästige Kranke, die man nach Möglichkeit links liegen ließ, sondern sie lebte geistig voll das kleine Leben der Familie mit. Besonders an den Nachmittagen von Sonn- und Feiertagen, wo die Eltern wenig Arbeit hatten, setzten sich Vater und Mutter gern zu ihr ans Bett und besprachen mit der verständigen Tochter alle Fragen und Sorgen, die sie beschäftigten.

Ich habe oben erwähnt, daß ihr das Unterbett über einen Strohsack gebreitet war. Sooft das Stroh erneuert wurde, begann für sie eine besonders harte Zeit. Das Liegen bereitete ihr Schmerz, auch führte die neue Lagerung zu Krampfanfällen, bis der Strohsack entsprechend der Körperform zusammengelegen war und dann den Körper besser stützte. Deshalb suchte man das Stroh nicht zu oft zu erneuern, zumal sie selbst darum bat. Das seit Ende Oktober 1918 ständige und immer bewegungslose Liegen führte unter diesen -Verhältnissen bei Therese Neumann zu Aufliegewunden (Druckbrand). Diese Geschwüre traten erstmals im ersten Vierteljahr 1919 auf und verließen die Leidende bis zu ihrer Heilung von der Lähmung am 17. Mai 1925 nicht mehr. Das erste Aufliegegeschwür bildete sich "tief unten am Rücken". Dr. Seidl verordnete gegen diese Geschwüre eine Salbe, die - wie Therese und ihre Angehörigen berichten schwarze Flecken in der Wäsche verursachte. Zur Zeit der Erblindung hatte sie sich den Rücken schon stark aufgelegen und erhielt dagegen am 30. März 1919 von Dr. Seidl eine Salbe aus Perubalsam (0,9) Argent. nitr. (0,3) und Vaseline (30,0). Die Dosierung der wiederholten Verordnungen wechselt. Das Rezept von Dr. Seidl gegen diese Aufliegewunden vom 3. Il. 1920 lautet: Rp. Bals. eruv. 1,5, Arg. nitr. 0,5, Vaseline ad. 50,0, Mi. ung. D. S. Salbe für Neumann, Konnersreuth, Nr. 12. (gez. ) Dr. Otto Seidl. Es trägt den Stempel: Stadtapotheke Waldsassen. Telephonruf 27, [unleserlich] 1920. Rezept Nr. 1698 (gez.) Ph. Badum.

Die Anordnung dieses Mittels wird dann von Dr. Seidl in der Folgezeit oft wiederholt. Die jüngste mir bekannt gewordene ist einige Wochen vor der Heilung des Druckbrandes am Knöchel des linken Fußes anfangs Mai 1925 ausgestellt und lautet

Sanitätsrat Dr. Otto Seidl

Krankenhausarzt Sprechstunde von 101/2 -- 12 Uhr

Waldsassen 2. 4. 25.

Bals. Peruv. 10,0 Arg. n itr. 1,0 Vaseline ad 100,0

für Frl. Therese Neumann, Konnersreuth, Nr. 12 (landw. Berufsgen.)

(gez.) Dr. Otto Seidl.

Dr. Seidl verordnete also eine Salbe aus Perubalsam, Höllenstein und Vaseline. Auch verschrieb er ihr öfters Weizenstärkepuder und Zinksalbe. Da diese Mittel nicht den gewünschten Erfolg brachten, wandten die Eltern schließlich ein Hausmittel nämlich Hühnerfett an, das ihnen Nachbarn anrieten. Es wurden damit Läppchen bestrichen und ihr auf die Wunden gelegt. Dadurch erhielt sie Linderung. Es bildeten sich über den Wunden feine Häutchen, die aber häufig wieder aufbrachen. Oft auch heilten die einen Geschwüre zu, während sich an anderer Stelle des Körpers andere bildeten. Diese Druckgeschwüre zeigten sich mit der Zeit an allen Druckstellen des Körpers. Am Rücken entlang, von den Schultern bis über das Kreuzbein hatte Therese Neumann oft zu gleicher Zeit neben kleinen Wundstellen fünf bis sieben von Taler bis Handgröße. Diesen Wunden und der daraus quellenden Flüssigkeit entströmte ein sehr übler Geruch, der ihr und ihrer Umgebung fast den Atem nahm. Damit ihr der Wechsel des Hemdes nicht zu große Schmerzen bereitete, pflegte die Mutter es mit warmem Wasser aus der Verklebung mit den eitrigen Wunden zu lösen.

Die Blasen- und Darmstörungen der Therese Neumann zeigten wechselnde Art. Bald erfolgten Ausscheidungen ganz unwillkürlich, bald gab es mehrere Tage hindurch überhaupt keine. Wie sich diese wechselnden Erscheinungen in dieser und der späteren Zeit bis zur Heilung der Lähmung an einzelne Unfälle anschlossen, vermochte ich nicht mehr festzustellen. Dagegen können sich Therese Neumann und ihre Eltern noch bestimmt erinnern, daß zweimal eine Reihe von Tagen, einmal wahrscheinlich zehn, das andere Mal vierzehn Tage, überhaupt keine Entleerungen stattgefunden haben. Dr. Seidl ordnete in beiden Fällen die Katheterisierung (Entleerung der Blase mittels eines eingeführten Abflußröhrchens) und die künstliche Entfernung des Stuhles durch die Konnersreuther Hebamme an. Beim zweitenmal war bereits alles vorbereitet, und der Katheter schon ausgekocht. Die Hebamme erklärte dabei besorgt: "Wenn man sie nur richtig anfassen könnte." Nach der Entleerung des Darmes entleerte sich die Blase automatisch. Dieser Wechsel der Krankheitserscheinungen erklärt wohl, warum Therese Neumann während ihrer Bettlägerigkeit zu Zeiten stopfende, zu anderen Zeiten abführende Arzneien verordnet wurden.

Die schon geschilderten Ernährungsstörungen hielten fortlaufend an. Therese Neumann erbrach gleich nach dem Essen die festen Speisen, so daß ihr weiter zur Ernährung hauptsächlich Mehlmus und Tee gereicht wurden. Das Erbrochene roch nicht eigentlich sauer.

Seit Weihnachten 1922 – der Zeit des Auftretens eines Halsleidens, das uns jetzt beschäftigten muß - hat sie überhaupt nichts Festes mehr gegessen. Ein Gymnasiast aus der Pfarrei, der Theologie studieren wollte, hatte ein Halsleiden bekommen, das ihn zur Aufgabe des Theologiestudiums zu zwingen drohte. Therese Neumann flehte darum, statt seiner das Leiden übernehmen zu dürfen. Denn "ich taug eh nichts mehr in meinem Leben." So geschah es auch. Der Student konnte sein Studium fortsetzen. Therese Neumann aber bekam ein Halsleiden, das noch heute besteht. Sie fühlt immer noch ihren Hals wund und hustet manchmal Blut aus. Zumeist ist dies, wie sie mir sagte, morgens der Fall, wo auch Blutbrocken mit Schleim vermischt auftreten. Beim Gurgeln erscheinen Blutfetzen.

Damals, zu Weihnachten 1922 konnte sie zunächst zwölf Tage lang keinen Tropfen schlucken. Dr. Seidl erklärte als Ergebnis seiner Halsuntersuchung, die Schluckmuskeln seien gelähmt. Eine Schwellung des Halses bestreitet Therese Neumann und erklärt, sie hätte nur nicht schlucken können. Der Hals sei wund gewesen. Am Dreikönigstage 1923 konnte sie das erstemal wieder kommunizieren.

In den Jahren 1923 und 1924 hatte sie Geschwüre im Hals. Sie glaubt, daß es nicht mehr als drei bis vier gewesen sind, von denen eines sehr gefährlich war. Es wird uns zu seiner Zeit beschäftigen.

Gegen Ende des Jahres 1919 begannen bei Therese Neumann auch Magengeschwüre aufzutreten. Sie gibt für die sechseinhalb Jahre, .in denen sie ans Bett gefesselt war, ihre Zahl auf mindestens 6-7 an, von denen drei besonders schwer gewesen seien. Sie habe sie jeweils ein Viertel bis halbes Jahr vor dem Zeitpunkt gespürt, an dem sie aufgebrochen seien. Auch sei bei ihnen ähnlich wie bei den Halsgeschwüren starke Atemnot aufgetreten. Arzneien für den Magen wurden ihr ziemlich oft verordnet, doch ist mir nicht ersichtlich, ob die einzelnen die fortlaufenden Ernährungsstörungen oder die Magengeschwüre im besonderen beeinflussen sollten. Nach ihrem Aufbrechen hatte Therese Neumann stets einige Zeit hindurch Magenblutungen. Über das Auftreten eines solchen Magengeschwürs, nämlich das am 25. April 1923 aufgebrochene, werde ich zu seiner Zeit nähere Angaben machen.

Nach dem Erscheinen von Magengeschwüren traten bei Therese Neumann auch Geschwüre unter der Achsel des linken Armes auf. Die Zeit ihres Beginnes ist nicht mehr genau anzugeben. Sie bildeten sich zeitlich neben- und kurz hintereinander. Während sich eines schloß, brach ein anderes auf. Einmal sind es elf gleichzeitig gewesen, von denen zum Teil jetzt noch Narben vorhanden sind. Eines ist verhärtet und wird von ihr heute noch gespürt.

Daß Menschen, die lange bettlägerig sind, leicht von Erkrankungen der oberen Luftwege erfaßt werden, ist allbekannt. Auch in der Krankheitsgeschichte der Therese Neumann begegnen uns daher häufig Erkältungen. In. ihren Krämpfen stieß sie öfters die Bettdecke von sich und erkältete sich dann, wenn zufällig niemand ihre Lage bemerkte und sie wieder zudeckte. Auch warf sie zuweilen ein Krampf ganz aus dem Bette und sie blieb unbedeckt auf dem Boden liegen, was ebenfalls zu Erkältungen führte. Diese aber brachten ihr außer schwerem Husten auch gelegentlich starke rheumatische Schmerzen.

Neben Arzneien fair einzelne Krankheitserscheinungen erhielt Therese Neumann von Dr. Seidl fortdauernd nervenberuhigende und schmerzstillende Mittel ins besondere Morphiumpräparate die ihr offenbar den trostlosen Zustand fortwährender Schmerzen erleichtern. sollten.

Um die Wende des Jahres 1922/1923 wurde Therese Neumanns Vater von schwerem Rheumatismus befallen. Dieser ergriff besonders die oberen Gliedmassen, so daß er seine Schneiderarbeit nicht mehr ausüben konnte. Die Krankheit zog sich lange hin. Es ist ein Rezept von Dr. Seidl vom 20. Januar 1923 "für Herrn Neumann, Konnersreuth Nr. 12" erhalten, in dem der Arzt Phenacelin; Ac. acet. salicyl. 5,0; Div. in p. aequ. Nr. V., ferner Linim. Chlorof . 30,0 verschreibt, also eine regelrechte Rheumathtismusbehandlung anordnet. Ein zweites Rezept vom Januar 1923 verordnet die gleiche Dosis Linim. Chlorof ., aber die halbe Menge Ac. Acet. salicyl.

Da die Arbeitsunfähigkeit des Vaters die Familie sehr hart traf, fragte Therese Neumann ihren Seelenführer Pfarrer Naber, ob es ihr wohl erlaubt sei, darum zu bitten, daß ihr ein weiteres Leiden auferlegt und dem Vater dafür das seine genommen werde. Als der Pfarrer ihr erklärte, er sähe in einer solchen Bitte kein Unrecht, betete sie inbrünstig um ihre Gewährung. Am nächsten Tage war ihr linker Arm .und ihre linke Hand so zusammengezogen, daß die Fingerspitzen auf die linke Brustseite gepreßt wurden. Diese Zwangshaltung dauerte etwas mehr als zwei Monate. Erst zu Anfang des April 1923 wurde der Arm wieder beweglich. In der Zwischenzeit entstand an dieser Stelle der Brust ein Druckbrand. Von ihm ist, wie mir berichtet wurde, eine Narbe zurückgeblieben, die sich dreifingerbreit über dem jetzigen Herzstigma in der Richtung zur linken Achsel befindet.

Der Vater aber genas rasch von seinem Leiden und erhielt seine volle Arbeitsfähigkeit zurück.

Auch wenn Therese Neumann und ihre Angehörigen ;allmählich gegenüber dem ärztlichen Vermögen, sie zu heilen, zweifelnder und zweifelnder wurden, so riefen die Eltern doch immer wieder den Arzt, zumal wenn sich bei :ihrer Tochter der Gesundheitszustand so verschlimmerte, daß man ihr rasches Ableben befürchtete, was ja des öfteren der Fall war. Die Eltern sagten sich: Lassen wir ,den Doktor nicht kommen und sie stirbt, so machen wir uns nachher im Gewissen Vorwürfe. Die Nachbarn aber werden uns schelten, wir seien doch rechte "Hornnackeln" und "schöne Heuchel", daß wir den Arzt nicht holten, zumal seine Besuche und Arzneien doch auf Kosten der Versicherung der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft Regensburg gehen, in die ja von Therese Neumann und ihrem Arbeitgeber jahrelang einbezahlt war. Nebenher aber hofften sie doch immer selbst noch für ihre Tochter auf Hilfe durch Menschen. Da die Schulmedizin nichts erreichte, wandten sie sich - vor allem in den Jahren 1922-1924 - an einen Naturheilkundigen Friedrich Heinzl in Neustadt a. W.N., der auf Grund von Urinprüfungen seinen Patienten verschiedene Tees und Teemischungen verordnete und in der Gegend großes Vertrauen genoß. Therese Neumann hat er selbst nie untersucht. Meist war es die Mutter, die zu ihm nach Neustadt fuhr, und von ihm nach Untersuchung des mitgebrachten Urins die verschriebenen Tees mit zurücknahm. Sie erzählte, sie wäre etwa 52 mal bei ihm gewesen. Diese Besuche und die Medikamente mußten die Eltern aus ihrer Tasche bezahlen. Die Kur, die Heinzl wegen des Ausbleibens der Menstruation mit Therese Neumann versuchte, ist in ihrem Ausgang schon erwähnt worden. Vor Dr. Seidl wurden diese Versuche mit Heinzl ebenso verborgen gehalten wie ein späterer mit einem Heilkundigen in Hamburg, des aus den Haaren die Krankheiten der Menschen zu erkennen behauptete. Ein Verwandter der Familie, ein Matrose Wolfgang Müller, der zu Besuch in Konnersreuth weilte, riet, es mit diesem zu versuchen. Er nahm. auch Haare der Therese Neumann zu dem Hamburger Heilkundigen mit, der ihr daraufhin einen schlimmen Ausgang voraussagte.

Die Heilung von der Blindheit am 29. April 1923

In diesem hoffnungslosen Leiden der Therese Neumann sollte der April 1923 die erste Wendung zum Besseren bringen. Zwar ließ er sich zunächst keineswegs so an. Magenbeschwerden, an denen sie seit längerem wieder einmal litt, wurden immer heftiger und schmerzhafter. Dr. Seidl untersuchte sie und stellte ein Magengeschwür fest. Die Eltern und sie berichten, sie hätte schließlich rasende Schmerzen, Brech- und Würgreiz bis zur Atemnot und drohendem Ersticken gehabt. In der Angst sei man auf den Gedanken gekommen, daß in dem Schubfach eine Reliquie der kleinen Therese vom. Kinde Jesu sich befinde. Diese habe der Vater rasch eingenäht und ihr umgehängt. Der Zustand aber habe sich immer mehr verschlimmert und wie man gemeint habe, jetzt werde sie sterben, habe sie plötzlich aufgestöhnt, nach einem Kübel gegriffen und darauf eine beträchtliche Menge braunen Mageninhalts ausgebrochen. Er habe ausgesehen, als wenn Blut und Eiter gemischt gewesen wären und habe einen stark stinkenden Verwesungsgeruch gehabt. Der Tag war Mittwoch, der 25. April 1923.

Am 28. April besuchte Dr. Seidl wieder seine Patientin in Konnersreuth. Er erklärte nach dem Bericht der Familie, er habe jetzt ein besonderes Mittel für die Augen, das wolle er an Therese probieren. Das Rezept, das er hinterließ, konnte aber an diesem Tage wegen dringender Arbeiten noch nicht nach Waldsassen zur Apotheke gebracht werden.

Therese Neumann brach nach diesem Aufbruch des Geschwürs aus dem Magen von Zeit zu Zeit Blut. Da erinnerte sich der Vater, daß bei früherem derartigem Magenbluten nach dem Aufbrechen von Geschwüren eine Teemischung des schon erwähnten Naturheilkundigen Heinzl in Neustadt a. W.N. seiner Tochter gutgetan hatte. Er machte sich daher am Sonntag den 29. April 1923, frühmorgens dorthin auf den Weg. Als er sich um 6 Uhr von seiner Tochter, die wach im Bette lag, verabschiedete, konnte sie wegen ihrer Blindheit nichts von ihm sehen. Therese Neumann schlief nach seinem Fortgehen wieder ein. Da erschien es ihr im Schlaf, als wenn an ihrem Kopfkissen etwas gemacht würde - "wie wenn was kratzt." Sie wachte davon auf es war etwa eine halbe Stunde nach 6 Uhr morgens und sah ihre Hände, ihre schwarzen Pulswärmer und ihre weiße Nachtjacke, sowie das Oberbett mit seiner kleinblumigen Musterung. Voll ungläubigen Staunens blickte sie im Zimmer herum. Dann klopfte sie mit der rechten Hand mit dem Stock auf den Fußboden. Sie wollte ihre Mutter rufen. Statt ihrer kam Theresens Schwester Kreszentia in die Stube. Therese Neumann erkannte sie zunächst nicht. Denn in den mehr als vier Jahren, seitdem sie nicht mehr hatte sehen können, war jene stark gewachsen. Kreszentia kam, Therese zu fragen, ob sie nichts brauche. "Ja, Mutter soll aufi, aber glei !", antwortete sie. Die Schwester rief sofort die Mutter. Diese wurde von Therese sogleich wieder erkannt, da sie sich nicht verändert hatte, und mit dem Ruf empfangen: "Mutter, i hab was! Mutter, i kann´s gar nicht sagen!" Die Mutter meinte im ersten Augenblick, ihre Tochter habe wieder einmal "unter sich lassen" müssen, und schäme sich, es auszusprechen. Daher fragte sie ruhig: "Resl, was hast denn?" Worauf diese antwortete: "Mutter, i seh fei!" Die Mutter konnte das Neue nicht glauben. Sie rief ihrer Tochter Kreszentia zu, sie sollte zu dem Wirtsanwesen des Martin Neumann hinauslaufen, und, eine Schwester, vielleicht die Ottilie, hereinholen. Sie sollte aber zu Martin Neumann nichts sagen, damit es kein Gerede gäbe, wenn es doch nicht wahr wäre, daß die Therese sieht. Während zu den Schwestern geeilt wurde, ergriff die Mutter mit zitternden Händen einen Blumenstock mit weißen Blüten, der am Fensterbrett des Zimmers stand und hielt ihn ihrer Tochter vor die Augen. Diese griff nach den Blumen. Dann nahm die Mutter noch einen Stock mit roten Blüten und zeigte ihn ihrer Tochter. Da griff diese nach den roten Blumen und meinte, die Stöcke würden schön in die Kirche passen. Jetzt weckte die Mutter das jüngste Kind, "den klein Hansl", der, im Zimmer schlief. "Hansl ! Denk, die Resl sieht !" Hansl sprang im Hemd aus dem Bett, holte vom Fenster ein Gottesaugenstöckl und hielt es Therese hin. Therese Neumann konnte selbst in diesem Augenblick ihre Anlage zu Heiterkeit und Scherz nicht verleugnen, denn sie sagte ihm, indem sie auf sein weißes Hemd anspielte : "Ja, Hansl, kommst aus der Kirchn ? Bist etwa Ministrant?" Inzwischen kam ihre Schwester Ottilie vom Anwesen des Martin Neumann. Therese Neumann hatte gehört, wie die Mutter den Auftrag gegeben hatte, sie zu .,holen und fragte die Eintretende deshalb: "Ottili, bist du's? Ja mei, bist du groß geworden die Zeit her !" Dann weinten die Schwestern zusammen vor Freude. Die Mutter schickte darauf sofort ihre Tochter Ottilie nach Waldsassen mit dem Auftrag, der Patin Frau Forster zu sagen, daß Therese sehe. Dabei fiel ihr ein, daß sie auch gleich die verordnete Augenarznei machen lassen und mitbringen könnte. Die Arznei, die sie dann mitbrachte, war Scopolamin 0,01/10,0.

In Konnersreuth sprach sich das Ereignis sofort herum und im Laufe des Nachmittags erhielt Therese Neumann den Besuch einer Anzahl ihrer Freundinnen, die staunend Rührung und Freude teilten. Als abends der Vater zurückkehrte, erkannte ihn die Tochter sogleich, schwieg aber darüber, daß er so grau geworden war. Es waren seit ihrer völligen Erblindung vier Jahre und ein Monat bis zu der Stunde vergangen, als sie das Augenlicht wieder erhielt.

Am anderen Morgen setzte sich die Mutter zu ihrer Tochter neben das Bett und las in der Zeitschrift "Rosenhain", die wie schon gesagt der Verehrung der Karmeliterin Therese, der später heiliggesprochenen kleinen Therese vom Kinde Jesu, gewidmet ist. Therese Neumann schaute in das Heft hinein und las leise murmelnd mit. Die Mutter war darüber sehr überrascht; sie hatte sich noch gar nicht mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß ihre Tochter nun auch wieder lesen könne. Diese aber konnte von jetzt an auch ganz kleine Schrift und Druck, wie sie das Gebetbuch aufweist, ohne Anstrengung lesen.

Der Tag der- Heilung Therese Neumanns von ihrer Blindheit (29. April 1923) ist der Tag der Seligsprechung. der kleinen Therese vom Kinde Jesu, der Karmeliterin vom Kloster Lisieux. Die kleine Therese hatte ob ihrer kindlichen Frömmigkeit das lebhafteste Interesse der Therese Neumann gefunden. Als im Jahre 1914 ihr Vater bald nach Kriegsbeginn zum Heere einrücken mußte, schenkte er seiner Tochter Therese ein Bildchen der kleinen Therese, das er am Tage vorher in Waldsassen erhalten hatte. Ein kleines Bildnis dieser Karmeliterin, die von Therese Neumann als ehrwürdige Dienerin Gottes verehrt wurde, hing später - und hängt heute noch - über ihrem Bette. Auf ihm steht ein Gebet um ihre Seligsprechung, das Therese Neumann jeden Sonntag und später täglich gebetet hat. Ihr war bekannt, daß die Karmeliterin Theresia an jenem Tage seliggesprochen werden sollte. Sie hatte deshalb vorher eine neuntägige Andacht halten wollen, die aber nicht ganz zur Ausführung gekommen war, weil eine große Erschöpfung, vor allem infolge des Magengeschwüres, sie daran hinderte. Diese Novene wollte sie, wie gesagt, um der Seligsprechung der kleinen Therese und nicht etwa um ihres Gesundwerdens, willen, halten. Denn wenn sie auch anfänglich, wie sie sich selbst ausdrückte, schon arg gern gesund werden wollte, ist es ihr später nach der völligen Erblindung immer weniger in den Sinn gekommen, ihrer selbst wegen um Gesundheit zu bitten. Worum sie bei der neuntägigen Andacht für sich bat, war: ebenfalls den kindlichen Geiste der kleinen Therese zu erhalten.

Am Tage nach der Heilung von der Blindheit, am 30. April 1923, besuchte sie Dr. Seidl, der schon von der Heilung der Blindheit vernommen hatte. Auf seinen Gruß: "Wie geht's" antwortete sie freudig: "Ich sehe." Dr. Seidl gab, wie mir berichtet wurde, zunächst der Meinung Ausdruck, die Heilung werde die Wirkung der jüngst verschriebenen Arznei gewesen sein. Als er aber erfuhr, daß diese erst nach der Heilung angefertigt worden war, - der Vermerk der Waldsassener Apotheke trägt das .Datum 29. April 1923 - fragte er Therese, wie sie glaube, daß die Rückkehr der Sehfähigkeit vor sich gegangen sei oder wer ihr geholfen habe. Ihre Mutter erwiderte für sie, gesttern sei die kleine Therese vom Kinde Jesu selig gesprochen worden und die - meinten sie hätte ihr geholfen.

Von der Heilung der Blindheit bis zu der Lähmung am 17. Mai 1925

Am 29. April 1923 war die Blindheit von Therese Neumann genommen worden. Gleichzeitig war der Druck im Kopf und der Schmerz im Hinterkopf verschwunden, der während der ganzen Zeit der Blindheit angehalten hatte. Ihr sonstiger Zustand aber blieb nicht nur gleich, sondern es kamen andere neue Leiden hinzu. Unverändert blieb die Unfähigkeit zu sitzen, zu stehen oder gar zu gehen. Auch hielten die Krampf- und Ohnmachts-Erscheinungen mit ihren Folgen an, die bei ungeschickten Bewegungen, Umbetten usw. aufzutreten pflegten. Ebenso blieben die Schmerzen im Kreuz mit ihren Ausstrahlungen in den Leib, die unteren Gliedmaßen und den Kopf. Und ebenso die geschilderten Störungen der Blase und des Darms sowie die Aufliegegeschwüre; ebenso auch der Brechreiz.

Nur von einem Teil ihrer Leiden war sie also befreit worden. Allerdings war es gerade derjenige, der ihrer Teilnahme am Leben ihrer Familie ganz besondere Schranken gesetzt hatte.

In Therese Neumanns Pflege teilte sich die Mutter vor allem mit der ältesten ihrer im Elternhaus befindlichen Töchter namens Kreszentia, kurz "die Zenzl" genannt. Doch ruhte die Hauptlast auf der Mutter. Zenzl, der eine große Verschwiegenheit eignet, ist um acht Jahre jünger als Therese.

Von einzelnen besonderen Vorkommnissen während dieser Zeit ließen sich die folgenden feststellen: Wie schon früher, so traten auch jetzt nach der Heilung von der Blindheit bei Therese Neumann Halsleiden auf. So wurde sie offenbar im Juni/Juli 1924 von einem Halsgeschwür befallen. Das Geschwür, das ihr rasende Schmerzen bereitete, vergrößerte sich so, daß sie Atembeschwerden bekam und nicht mehr sprechen konnte. Die Eltern erzählten, der Hals sei zusammengeschwollen gewesen. Die Atemnot steigerte sich schließlich derart, daß Erstickungsanfälle auftraten, bei denen sie sich im Gesicht blau verfärbte. In dem einen, von ihr als besonders gefährlich bezeichneten Falle riefen die Eltern noch nachts den Pfarrer, damit er sie mit den Sterbesakramenten versehe, weil sie fürchteten, Therese würde ersticken. Sie habe immer krampfhaft mit den Fingern am Bettuch gekratzt. Der Pfarrer riet, sie aufzurichten. Als dies geschehen war, brach das Geschwür auf. Therese Neumann sprach plötzlich stöhnend, daß es jetzt unten sei. Der Inhalt entleerte sich in den Magen und wurde von ihr dann unter großen Schmerzen ausgebrochen. Die Erstickungsgefahr war gewichen, aber etwas über ein Vierteljahr konnte sie nur mittels eines Strohhalmes Flüssigkeit zu sich nehmen. Diese Erkrankung wird von Therese Neumann und den anderen Zeugen nach der Erinnerung in das Jahr 1924 verlegt. Unter den erhaltenen Rezepten Dr. Seidls für sie finden sich für die Monate Juni - Juli dieses Jahres die folgenden auf ein Halsleiden hindeutenden: 1. Vom 17. Juni 1924: Phenacetin; Ac. acet. salicyl an 4,0, Morph. muriat. 0,06, Die. in p. equ. no V III. 2. Vom 23. Juni 1924 Hydrogen. peroxyd. 120,0. 3. Vom 4. Juli 1924: Hydrogen. peroxyd. 100,0.

Im November 1924 wurde Therese Neumann von einem schweren Husten befallen. Denn wir finden unter den erhaltenen Rezepten Dr. Seidls die folgenden: 1. Vom 7. November 1924: A pomorphin 0,01, Morph. mur. 0,04, Liqu. ammon. anis. 1,0, Aqu. dest. 120,0, Sir. alth. ad 150,0. 3---4 stündlich 1- Löffel.

2. Vom gleichen Tage : Pyramidon Ers. 1,5, Phenacetin 2,5, Morph. mur. 0,03, Div. in p. a qu. no. V d. nach Bericht. 3. Vom 13. November 1924: Morph. mur. 0,2, Aqu, dest. , ad 20,0, d. dreimal 10-15 Tropfen. 4. Vom 23. November 1924: Morph. mur. 0,3, Aqu. dest. ad 30,0 sig. Hustentropfen, dreimal 10-15 Tropfen.

Im Vergleich zu den bisherigen Krankheitserscheinungen bei Therese Neumann war neu ein Ohrenleiden, das ihrer Erinnerung nach ebenfalls im Jahre 1924 erschien. Sie bekam schreckliche Schmerzen im rechten Ohr, in dem sich zunächst ein Sausen und. Stechen, das sehr schmerzhaft war, bemerkbar machte und dann allmählich ein Geschwür entwickelte, so daß aus dem Ohr schließlich Eiter und Blut floß. Auch konnte sie auf diesem Ohr nichts hören. Dabei hatte sie das Gefühl im Ohr, "wie wenn eine Fliege drin ummiflattert". Im linken Ohr hatte sie ebenfalls Schmerzen und Sausen, aber sonst keine Erscheinungen. Die Hörfähigkeit blieb hier erhalten. Dr. Seidl hatte die. Absicht, das rechte Ohr aufzumeißeln, stand aber davon ab, da Therese Neumann zu schwach dazu war. Dr. Seidl scheint ihr damals unter anderem Kampfer verschrieben zu haben. Sie konnte mit Sicherheit sagen, daß sie des öftern in der Zeit ihrer Krankheit Kampfer fürs Herz erhielt. Da sie einen außerordentlich fein empfindenden Geruchssinn hat, hat sie sich den Geruch einzelner Arzneien genau merken können. Aus den Augen rann ihr zur gleichen Zeit ein wenig, nicht viel, wie sie sagt, eitriges Blut. Doch blieb die Sehfähigkeit ungestört.

Im Herbst 1924 - etwa im September spielte Therese Neumann wieder einmal mit ihren jüngsten Brüdern. Sie beugte sich dabei zu weit aus dem Bett vielleicht haben sie sie auch gezogen jedenfalls stürzte sie hinaus, und zwar mit dem Kopf voran und blieb ohnmächtig und in Krämpfen am Fußboden liegen. Da die Kinder sie nicht wieder hineinzuheben vermochten und die Mutter auf der Wiese war, liefen sie zum Kounlenzen-Anwesen, ihre Schwester Marie zu holen. Diese machte sich sofort von ihrer Arbeit - sie war beim Backen - frei, lief hinüber und hob sie ins Bett. Als Therese Neumann wieder zu sich kam, bemerkte sie an sich starke Muskelzusammenziehungen. Das linke Bein, das bisher gestreckt lag, war im Knie abgebogen und so in der, Hüfte gedreht, daß der linke Fuß unter dem unteren Ende des rechten Oberschenkels lag. Das rechte Bein aber war gestreckt. Es lag also ständig auf dem linken Fuß. Dazu gesellten sich starke Herzbeschwerden. Therese Neumann mußte in der folgenden Zeit ständig auf dem Rücken liegen. Auf der rechten Seite zu liegen, verhinderte der linke, unter den rechten Oberschenkel gezogene Fuß, auf der linken zu liegen, die Herzbeschwerden. Als Herzantreibungsmittel erhielt sie offenbar Kampfer und gegen die Schmerzen morphiumhaltige Arzneien. Dieses ständige Liegen auf den gleichen Körperstellen führte zu schwerem Druckbrand am Rücken und an den Beinen. Der linke Fuß eiterte über ein halbes Jahr und besaß. schließlich vom Knöchel bis zur Zehe keine Haut mehr. Der Knöchel selbst lag blank. Die Krankenschwester Regintrudis hatte ihr Ringe aus Watte angefertigt, damit der Fuß so aufgelegt werden konnte, daß der Knöchel von Druck entlastet war. Dr. Seidl war, wie Therese Neumann erzählte, dieses Aufliegegeschwür "ein rechtes Anliegen".- Er befürchtete schließlich im April 1925, den Fuß abnehmen zu müssen und versuchte alles, diese Entwicklung hintanzuhalten. Aus dieser Zeit ist ein Originalrezept von ihm gegen Druckbrand erhalten. Es trägt das Datum: 2. 4. 25 und ist "für Frl. Therese Neumann, Konnersreuth Nr. 12" ausgestellt; es lautet: Ball. peruvv. 10,0, Arg. n tr. 1,0, Vaseline ad 100,0. Die Verwendung dieser üblichen Salbe aus Vaseline, Perubalsam und Höllenstein erwies sich wie schon früher als erfolglos. Die Familie war in schwerster Sorge; die Eltern, zumal die Mutter, waren untröstlich über die immer dringlicher werdende Abnahme des Fußes. Therese Neumann schnitt der Jammer der Mutter noch mehr ins Herz, als das eigene Unglück. Deshalb meinte sie, es werde wohl nicht gegen den Willen Gottes sein, wenn sie um eine Linderung wenigstens dieses Übels bitten würde. Täte sie es doch nicht für sich allein, sondern noch mehr um der Mutter willen. Sie betete deshalb zwar nicht gerade um völlige Heilung, aber wenigstens um eine Milderung, welche ihrer Mutter die Sorgen etwas vermindern könnte.

Ihre Schwester Zenzl hatte ihr eines Abends - es war Anfang Mai 1925 einen frischen Verband um den Fuß gelegt. Am Abend des anderen Tages schob sie ihr zwischen den Verband und die Wunden Blätter von Rosen, welche am Grab der am 29. April 1923 seliggesprochenen kleinen Therese von Lisieux geblüht hatten, mit denen ihr Leib berührt und die dann geweiht worden waren. Therese Neumann verspürte zunächst keine Veränderung. Nach ein paar Minuten aber fühlte sie an der kranken Stelle ein starkes Jucken. Der Schmerz war verschwunden. Sie bat ihre Schwester, den Verband zu öffnen. Diese hielt es aber vor allem mangels Zeit nicht für veranlaßt, den Verband jetzt schon wieder zu erneuern. Als am nächsten Morgen der Verband untersucht wurde, zeigte es sich, daß Blut und Eiter ihn durchdrungen und am Bettuche festgeklebt hatten. Denn Bewegungen hatte Therese Neumann mit dem Fuß nicht machen können. Als der Verband abgenommen war, fand man über den Wunden eine neue, noch feine Haut, die bläulich aussah. Die Rosenblätter waren in das Blut und den Eiter des Verbandes miteingeklebt.

Die Heilung der Rückgratsverrenkung am 17. Mai 1925

Am Nachmittag des 17. Mai 1925 während der Maiandacht befanden sich die Eltern der Therese Neumann daheim in der Wohn- und Arbeitsstube im Erdgeschoß des Hauses. Sie hatten die Stubentüre nach dem Stiegenhaus offen gelassen, um besser hören zu können, wenn ihre Tochter deren Zimmertüre offen stand nach ihnen rief. Diese lag allein in ihrem Zimmer im ersten Stock und betete für sich den Rosenkranz, da sie ja an der Andacht in der Kirche wegen ihrer Lähmung nicht teilnehmen konnte. Und jetzt kam es zu einem Erlebnis, das Therese Neumann folgendermaßen schildert: Als sie beim zweiten Gesetzlein: "Der in den Himmel aufgefahren ist" angekommen war, mußte sie an den nachfolgenden Donnerstag, das Fest von Christi Himmelfahrt, denken. Es kam ihr in den Sinn, wie wohl die Gedanken und Gefühle der Apostel beschaffen gewesen sein mögen, als Christus in den Himmel auffuhr. "Wie wird's dene gwest sein, als der Heiland plötzlich fort ist. Sie mußten ja doch meinen, sie hätten ihn noch recht notwendig brauchen können." Da erschien plötzlich vor ihren Augen über dem Bett ein weißes Licht. Sie erschrak im ersten Augenblick sehr darüber und stieß, wie die Eltern erzählten, einen doppelten Schrei: "Auh ! Auh !" aus, den diese bis in das untere Zimmer hörten. Die Eltern eilten daraufhin und zwar der Vater voran - sofort in das Zimmer im ersten Stock. und fanden ihre Tochter, wie sie unverwandt auf etwas vor sich hinsah. Der Vater schrie in seiner Bestürzung auf seine Tochter ein und hielt ihr etwas zum Trinken vor, weil er an einen Krampf dachte. Sie sprach auf beides nicht an und erklärte später, sie hätte nichts davon bemerkt. Dagegen bekam sie im Gesicht eine andere Farbe, als die Zimmerfarbe war, die sie vorher zeigte. Sie wurde im Gesicht rötlich und frisch.

Inzwischen kam eine Mallersdorfer Schwester, die als Krankenschwester in Arzberg tätig war und Therese Neumann öfters besuchte, nämlich die schon erwähnte Schwester Regintrudis ins Zimmer. Es war etwa um ½ 3 Uhr nachmittags. Pfarrer Witt hat den schriftlichen Bericht dieser Schwester abgedruckt (a. a. 0.1. Aufl., S. 90ff.), dem ich entnehme: Therese Neumann befand sich bei ihrem Eintritt in das Zimmer, wie bei früheren Besuchen auch, im Bette. An ihrem Bett standen Vater und Mutter. Auf ihren Gruß erhielt sie von Therese keine Antwort. Denn diese blickte mit lebhaft geöffneten Augen unverwandt vorwärts nach oben rechts, also mehr gegen die Wand und nicht ins Zimmer hinein, wo die Anwesenden standen. Ihr Gesicht war "so freundlich und lieb", wie sie es bei früheren Besuchen noch nie gesehen hatte. Der Ausdruck "strahlende Freude" besagt zu wenig. Wiederholte Fragen an sie blieben ohne Antwort. Die Anwesenden hatten während der ganzen Zeit nichts gesehen, das "geeignet gewesen wäre, bei Therese eine solche außerordentliche Aufmerksamkeit zu erregen", wie die Mallersdorfer Schwester an der angegebenen Stelle erklärte. Die Schwester fühlte während der Schauung den Puls, der wie sonst normal war. Auch die Atemzüge gingen ruhig und regelmäßig. Aufregung, Schreck und Angst waren an ihr nicht zu bemerken. Die Anwesenden hatten den Eindruck, als ob Therese Neumann sich in einer sehr lebhaften Unterhaltung mit jemand Unsichtbarem befinde. Sie bewegte die Lippen wie - beim Sprechen, nickte auch manchmal bejahend mit dem Kopfe oder schüttelte ihn wie verneinend. Mit den Händen machte sie leichte Bewegungen, wie es zu geschehen pflegt, wenn man mit jemand spricht oder ihm etwas erklärt. Ihr Mienenspiel war reich, meist zeigte es "eine liebliche Miene hoher Freude", dann wieder tiefen Ernstes. Worte waren nicht zu verstehen. Vater und Mutter ergänzten den Bericht der Krankenschwester dahin, daß ihre Tochter unverständlich gemurmelt habe. Ob sie den Mund dabei rührte, konnten die Eltern nicht mehr sicher angeben. Die Mallersdorfer Krankenschwester faßte ihren Eindruck dahin zusammen, man habe nicht das Gefühl der inneren Betrachtung oder der Beschauung, auch nicht des Selbstgespräches oder des Gebetes, sondern das einer direkten Zwiesprache gehabt. Therese Neumann "benahm sich wie zu einer Person, die ihr sichtbar gegenüberstehe" und ihr mehr gelte, als "wir und die ganze Welt".

Als die Krankenschwester das Zimmer betrat, riefen die Eltern ihr zu, Resl habe was. Die Schwester, in deren Begleitung sich eine Aspirantin befand, hatte schon längere Zeit Therese Neumann nicht mehr besucht. Jetzt hatte es sie getrieben, einmal wieder nach ihr zu sehen. Sie antwortete auf den Anruf der Eltern, deshalb habe sie wohl kommen müssen. Kurz nachdem die Krankenschwester hinzugekommen war, schrie Therese Neumann in der Ekstase "Herr Pfarrer". Die Mutter berichtet, sie habe entgegengefragt : "Willst du ihn?" aber keine Antwort mehr erhalten. Die Eltern schickten darauf ihre Tochter Anna zu Pfarrer Naber.

Therese Neumann selbst erzählt ihr Erlebnis in folgender Weise weiter: Aus dem wunderbar hellen Licht fragte eine überaus freundliche Stimme sie: "Resl, möchtest du nicht gesund werden?" Sie habe geantwortet : "Mir ist alles recht, leben und sterben, gesund sein und krank sein, was der liebe Gott will, der versteht's am besten." Die Stimme fragte erneut: "Hättest du eine Freude, wenn du heute aufstehen und gehen und dir wieder selbst helfen könntest?" Sie antwortete: "Ich habe an allem eine Freude, was vom lieben Gott kommt. Mich freuen alle Blümlein, die Vögel oder auch wieder ein neues Leiden. Am meisten freut mich der liebe Heiland." Die Stimme erklärte darauf: "Du darfst heute eine kleine Freude erleben. Du kannst dich aufsetzen, probier's einmal, ich helfe dir". Bei diesen Worten wurde sie an der rechten Hand emporgezogen, sie "hat aufgemüßt", wie sie berichtet. "Es hat mich was Kaltes gepackt." Sie spürte einen furchtbar schmerzhaften Riß und Ruck an der bisher schmerzenden Stelle der Lendenwirbelsäule, schmerzhaft wie nie zuvor, wie wenn etwas nach links rückwärts herausgerissen wird, währenddem, ihr unsichtbar, sie jemand bei der Hand genommen hatte. Sie schilderte mir ihr Gefühl folgendermaßen: es sei ihr gewesen, "wie wenn zwei Knochen übereinandergerieben würden. Das tut doch weh !" Es war, als wenn sie "nach links zur Wand vüre (vor-)gedreht" würde und "so ähnlich, als wenn was zurückgedreht wird und einschnappt, was ausgedreht war". Während heutzutage bei Schauungen der Schmerz wegen eines Leidens, das sie schon vorher hatte, aussetzt, fühlte sie hier einen außerordentlich starken Schmerz. Die Mutter sagte mir, Therese habe in die Höhe gegriffen und dann nach jener Stelle im Rückgrat gelangt, wo der Schmerz früher gesessen habe. Sie habe dabei die Zähne "gebleckt" und geseufzt. Dann sei sie wieder zurückgesunken. Die Mallersdorfer Krankenschwester gibt a. a. 0. an, die Anwesenden seien vom größten Erstaunen ergriffen worden, als sie sahen, wie sich Therese mit einem Male ohne fremde Hilfe in ihrem Bett aufsetzte. "Doch machte sie dabei ein recht schmerzliches Gesicht. Sie griff auch unwillkürlich mit beiden Händen nach der kranken Stelle im Rücken."

Zum Verständnis des folgenden sei vermerkt, daß Therese Neumann während der ganzen Schauung das Licht sah, daß aber nicht immer seitens der Erscheinung gesprochen wurde.

Nach dem ersten Aufrichten knaxte die Bettstatt und die Mutter hob, darüber verblüfft, daß Therese sitzen könne, das Oberbett am Fußende ein wenig auf, und sah den zweiten Fuß am Ende der Bettstatt liegen. Der linke Fuß, der bisher unter dem rechten Oberschenkel dicht am Knie zusammengezogen gelegen hatte, war gestreckt und befand: sich in seiner natürlichen Lage. Die Mutter stieß voll Überraschung ihre Tochter Anna an und machte sie auf diese Tatsache aufmerksam. Während dieser Zeit hatte die Krankenschwester das neben dem Bett an der Wand befindliche Bildchen der seligen kleinen Therese von der Wand weggenommen, weil man glaubte, Therese Neumann schaue auf dieses. Therese Neumann behielt aber den Blick weiter in der gleichen Richtung.

Inzwischen war dem von der Nachmittagsandacht in den Pfarrhof zurückgekehrten Pfarrer Naber die Botschaft ausgerichtet worden, "Herr Pfarrer möchten kommen, wir wissen nicht, was Resl hat Pfarrer Naber dachte sich, die heilige Therese - an diesem Tage war ihre Heiligsprechung hole sie vielleicht, und nahm deshalb das Krankenöl und die Stola mit. Als er das Zimmer betrat, wollte er den ihm begegnenden Vater trösten. Wie er aber Therese Neumann sah, erklärte er: zum Sterben ist die Therese nicht, die lassen wir ruhig liegen. Pfarrer Naber schilderte in der Grenzzeitung vom 15. IV. 1926, er habe sie gefunden, die Augen unverwandt auf etwas vor ihr gerichtet, die Hände darnach ausgestreckt, das Antlitz freudig strahlend. Sie nickte mit dem Kopfe und schüttelte ihn, als ob sie mit jemand spräche ; plötzlich setzte sie sich, nachdem sie das 6 1/2 Jahre nicht mehr gekonnt hatte, auf, aber unter großen Schmerzen an der verletzten Stelle im Rückgrat. Nach der Schilderung Therese Neumanns wandte sich die Stimme erneut an sie mit den Worten: "Aber leiden darfst du schon noch viel und lange, und kein Arzt kann dir helfen. Nur durch Leiden kannst du deine Opfergesinnung und deinen Opferberuf am besten auswirken und dadurch die Priester unterstützen. Durch Leiden werden weit mehr Seelen gerettet, als durch die glänzendsten Predigten. Ich habe es früher schon geschrieben - wer das "es" sei, sagte die Stimme nicht, sondern fügte nur hinzu: "du kannst auch Gehen".

Bei der zweiten Wiederaufrichtung fühlte Therese Neumann nochmals einen Ruck an der schmerzenden Stelle der Wirbelsäule und ein sehr schmerzhaftes Gefühl, aber doch lange nicht so stark wie vorher, und dazu "einen Knacks, wie wenn was einschnappt". Das Licht verschwand und sie merkte wieder, daß sie in ihrem Zimmer im Bett saß. Sie weinte aus Trauer darüber, daß das Licht verschwunden war. Körperlich aber war ihr ganz wohl, der Rücken schmerzte sie nicht mehr. Von den Anwesenden nahm sie keine Notiz. Unter ihrem Weinen dachte sie an die Mutter und nahm den Stock, mit dem sie auf den Zimmerboden zu stoßen pflegte, um die Mutter oder irgendeinen Angehörigen im darunterliegenden Arbeitszimmer davon in Kenntnis zu setzen, daß er zu ihr heraufkommen möge. Wie sie nach dem Stock greifen wollte, sprach sie der Pfarrer an "Resl, wo bist du denn gewesen?" Sie sah im Zimmer den Pfarrer, die Eltern, die Mallersdorfer Klosterschwester, die Aspirantin und ihre Schwester Anna um das Bett herumstehen, die alle, mit Ausnahme des Pfarrers, weinten. Aber statt einer Antwort erklärte Therese Neumann plötzlich mit verblüffender Sicherheit "Was habt ihr? Ich kann jetzt sitzen und auch gehen." .Der Mutter schien das nach den vorausgegangenen Jahren unmöglich, vor allem wegen des verkrümmten linken Fußes, und sie schaute erneut nach diesem. Er lag aber, wie sie bereits beim ersten Nachsehen bemerkt hatte, wieder ganz richtig neben dem rechten, wovon sich jetzt auch die anderen Anwesenden überzeugten. Der Mallersdorfer Schwester schien die Behauptung Therese Neumanns ganz unfaßbar. Darum wollte sie einen kleinen Versuch machen und sagte zu ihr "Resl, rück doch einmal mal höher hinauf." Diese stützte sich darauf mit beiden Händen auf das Bett und rückte mit Leichtigkeit nach oben. Der Pfarrer meinte darauf, man könne es ja mit dem Aufstehen probieren, zumal Therese Neumann energisch rief: "Ach ! bringt's mir eine Montur!" (= Kleid). Die Mutter holte ihr rasch ein Kleid. Während der Vater nach seiner Erzählung noch dachte: "Aufstehen, das gibt's doch nicht; sie rutscht heraus und kugelt uns zusammen", hörten die Anwesenden Therese Neumann plötzlich fest sprechen: "Probieren mier's halt in Gotts Namen !" "und sahen sie dann zu ihrer grenzenlosen Überraschung sofort aus dem Bett aufstehen und sich auf ihre beiden Füße stellen.

Die Eltern waren so aufgeregt, daß sie zu keinerBewegung imstande waren. Pfarrer Naber, der am ruhigsten geblieben war, rief in seiner Sorge, sie könnte fallen, den Anwesenden zu: "Heft's ihr doch !" und griff selbst zusammen mit der Klosterschwester ihr unter die Arme. Auf den Ruf des Pfarrers trat der Vater hinzu und faßte, sie unter den Armen, während der Pfarrer zurücktrat. Darauf ging Therese Neumann, von ihm und der Krankenschwester geführt, über das halbe Zimmer und wieder zurück. Da erklärte Pfarrer Naber: "Resl, jetzt langt's !" und Therese Neumann wurde wieder auf ihr Bett gesetzt, worauf sie beide Arme auf eine Stuhllehne stützte. Der Vater erklärte, man hätte sie nicht stark halten, sondern nur etwas führen müssen, dann hätte sie gehen können. Da man sie noch für zu schwach hielt, als daß man ihr ein längeres Aufbleiben zumuten dürfte, hieß sie der Pfarrer, sich wieder niederzulegen. Als das geschehen, war, wiederholte er seine Frage, wo sie denn vorher gewesen sei, sie müsse es ihm erzählen. Sie erklärte sich dazu bereit, aber nur ihm allein gegenüber. Ihren Bericht an den Pfarrer habe ich in der obigen Darstellung bereits wiedergegeben.

Die Zeugen der Heilung warteten während dieser Unterredung zwischen dem Pfarrer und Therese Neumann draußen vor der Türe des Zimmers. Als sie der Pfarrer nach einiger Zeit wieder hineinrief, erklärte ihnen Therese Neumann, der Rücken tue ihr nicht mehr weh, sie sollten doch einmal nachschauen, ob sich da nichts geändert habe. Die Krankenschwester sah daraufhin nach, wie es mit ihrem Rücken stünde. Als sie ihn aufdeckte, rief sie voll Überraschung: "Jesus, Maria und Joseph! Der Rücken ist auch geheilt!" "Ja, das spür ich schon", antwortete Therese Neumann; kurz zuvor waren aber die Wunden noch da gewesen. - Das frische Hemd, das die Mutter ihr unter Mithilfe ihrer Tochter Kreszentia am Tage vorher angelegt hatte, war mit Blut und Eiter getränkt.

Von der Heilung der Rückgratsverrenkung bis zur Blinddarmentzündung am 7. November 1925

Seit dem 17. Mai 1925 konnte Therese Neumann das Bett verlassen und gehen, allerdings nur mit Hilfe oder mit einem Stock. Das linke Bein schien ihr anfänglich etwas kürzer und sie hinkte ein wenig. Von diesem Zeitpunkt an sind bei ihr auch keine Krämpfe mehr aufgetreten. Die Ernährungsstörungen aber waren geblieben. Es ist nach den mehr als sieben schweren Jahren, die Therese Neumann und ihre Familie durchgemacht hatten, begreiflich, daß die Eltern trotz der offensichtlichen Heilung ihrer Tochter nachdrücklichst verlangten, daß diese sich zunächst noch größte Schonung auferlege. Sie verboten ihr daher streng, das elterliche Haus zu verlassen. Sechsundzwanzig Tage mußte sich ihre Tochter diesem Gebot fügen, das ihr deshalb so schwer wurde, weil sie gar zu gern die Kirche aufgesucht hätte, dort Gott Dank zu sagen. Erst am Fronleichnamstage, dem 11. Juni 1925, ließ sich die Mutter von ihren Bitten erweichen. Therese kleidete sich in ein schlichtes schwarzes Gewand und verließ mit vor Freude klopfendem Herzen - an der einen Seite auf den Arm des Vaters, an der anderen auf einen Stock gestützt - nach dem Mittagessen das Elternhaus erstmals wieder seit den traurigen Kirchweihtagen des Jahres 1918. In der Kirche weilte sie nur kurze Zeit, unterließ es aber nicht, nach ihrem Gebet auch deren festliche Ausschmückung genau zu betrachten. Schon während sie in der Kirche weilte, begannen die Bewohner Konnersreuths, in dem sich wie ein Lauffeuer die Nachricht von ihrem Gang verbreitet hatte, sich vor der Kirche und auf dem Marktplatz zusammenzufinden. Und als sie mit dem Vater den Heimweg antrat, standen rechts und links der .kurzen Strecke in scheuer Entfernung dicht gedrängte Menschen, sie zu sehen. Am späteren Nachmittag fanden sich dann viele der näheren Bekannten glückwünschend im Neumannhause ein. Als Therese Neumann glücklich wieder daheim angelangt war, zeigte es sich, daß ihr erster Ausgang trotz des kurzen Weges sie doch recht angestrengt hatte.

An der Fronleichnamsprozession selbst hatte Therese Neumann, sehr zu ihrem Schmerze, noch nicht teilnehmen können. Auch für die zweite Prozession am Sonntag nach dem Fronleichnamstage sowie für den Besuch des Gottesdienstes erwies sie sich als zu schwach. Doch erreichte sie durch eindringliche Bitten von der Mutter, daß diese sie nach der Prozession vor einige Altäre auf der Straße führte.

Wegen ihrer Schwäche konnte sie in der elterlichen Wirtschaft nicht mitarbeiten, ja, sie bedurfte in den folgenden Monaten auch beim Gehen im Haus noch immer eines Stockes als Stütze oder sie mußte sich an Möbeln und Wänden halten. Sie mochte aber auch nicht müssig herumsitzen. Deshalb beschäftigte sie sich sehr viel mit Stricken. Sie hatte es sogar versucht, als sie blind war, es dann aber aufgeben müssen, als ihr die linke Seite gelähmt wurde. Später war sie, obwohl diese Lähmung gewichen war, auch zum Stricken zumeist zu schwach gewesen. Von der Heilung der Rückgratverrenkung und Lähmung bis zur Stigmatisation hat sie, wie sie mir erzählte, viel gestrickt. In dieser Zeit hat Dr. Seidl offenbar eine Magenkur mit ihr versucht, um die regelrechte Nahrungsaufnahme wieder zu erzielen und dadurch eine Kräftigung ihres Körpers zu erreichen. Aber ohne Erfolg. Ihre Unfähigkeit, feste Speisen bei sich zu behalten, hielt an; selbst die Aufnahme breiiger Nahrung wurde immer geringer.

Gegen Ende des Septembers hielt Therese Neumann eine Novene für eine Bekehrung. So lag sie am 30. September, dem Sterbetage der hl. Theresia vom Kinde Jesu, nachts 1/2 1 Uhr noch wach im Bett und las beim Schein der elektrischen Lampe gerade die Litanei zu Ehren dieser Heiligen. Da stand plötzlich das gleiche Licht vor ihr, wie bei der Heilung von der Rückgratsverrenkung, und die gleiche Stimme sprach zu ihr: "Resl! Gott will haben, daß das in die Augen Fallende deines Leidens verschwinde. Du darfst jetzt ohne fremde Hilfe gehen. Das Leiden, das in die Augen fällt, darf abnehmen. Dafür aber wird, Schwereres kommen. Muntere die Leute zum Gottvertrauen auf !" "Aber," erwiderte Therese Neumann, "ich weiß ja selbst nicht, ob ich eigentlich auf dem rechten Wege bin." Darauf die Stimme "Folge in blindem Gehorsam deinem Beichtvater und vertraue ihm alles an! Du sollst dem eigenen Ich immer mehr absterben! Bleibe immer so kindlich einfältig!"

Dann schwieg die Stimme und das Licht verschwand. Therese Neumann sah wieder ihr gewohntes Zimmer. Nur das Gebetbuch, das sie vorher in der Hand gehalten hatte, lag am Boden. Sobald sie des Sinnes der Mitteilung voll bewußt geworden war, stand sie auf und.-.siehe da -. sie konnte ohne jede Stütze gehen. In ihrer Freude ging sie gut eine Viertelstunde frei im Zimmer herum. Dann legte sie sich zu Bett, konnte aber keinen Schlaf mehr finden und kaum den Tag erwarten. Als vom Kirchturm morgens der Englische Gruß erschallte, stand sie auf und ging in das Zimmer der Eltern im Erdgeschoß hinab. Die Mutter fragte erstaunt, ob sie keine Hilfe brauche. Sie aber antwortete nur kurz, sie gehe jetzt in die Kirche, sie brauche niemanden. Dem Vater, der sie fragte, ob wieder etwas vorgekommen sei, erwiderte sie nur: Ja! Ich gehe jetzt in die Kirche". Dabei standen ihr Freudentränen in den Augen. Wie sie in die frische Morgenluft hinaustrat und ganz langsam vor sich hinschritt, fröstelte sie ein wenig. Trotzdem sie ihre Schritte zu beschleunigen suchte, brauchte sie doch einige Minuten für die kurze Strecke von ungefähr 80-100 m, bis sie vor der steinernen Treppe stand, die vom Marktplatz zur Kirche hinaufführt. Nur mit Mühe stieg sie sie empor. Aber schließlich konnte sie doch allein, ohne Hilfe und ohne Stock, die Kirche betreten.

Von der Kirche ging sie herum zum Pfarrhof, der von dieser nicht wesentlich weniger weit als das Elternhaus entfernt ist. Dort empfing sie die Pfarrhaushälterin, Anna Forster, sehr überrascht darüber, daß sie so allein daherkam. Dann schenkte sie Therese Neumann Rosen aus dem Pfarrhofgarten, mit denen diese freudig in die Kirche zurückkehrte und das Kruzifix und das Bild der hl. Familie hinter dem Altare schmückte, welch letzteres sie selbst einst von ihren bescheidenen Ersparnissen gestiftet hatte.

So konnte nun Therese Neumann allein ohne Hilfe und ohne Stock gehen. Das war die neue Besserung gegenüber dem Zustand nach der Heilung der Wirbelsäulenverrenkung, wie er im vorausgegangenen Abschnitt geschildert worden ist. Arbeitsfähig aber war sie auch jetzt noch nicht geworden, Stricken blieb ihre Haupttätigkeit. Bald aber setzte ein neues Leiden ein. Vor mir liegen zwei Rezepte von Dr. Seidl für Frl. Therese Neumann, Konnersreuth (landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft). Das erste ist vom 9. Oktober 1925 und verordnet ihr 1. Urotropin-Ersatz 20,0 nach Bericht. 2. Cocain. mur. 0,2, Aqua dest. ad 20,0; d. Vor Tisch 10-20 Tropfen z. n. Das zweite Rezept ist vom 26. Oktober 1925 datiert und lautet: 1. Urotropin-Ersatz 25,0; 2. Fol. uvw ursi 50,0. Nach diesen Rezepten zu schließen, litt Therese Neumann an einer offenbar sehr schmerzhaften Erkrankung des Unterleibs, deren Sitz der Arzt in der Niere und Blase annahm, wie die Verordnung von Urotropin-Ersatz und Bärentraubenblättertee (Folia uvw ursi) erschließen läßt. Daß sie sehr schmerzhaft war, darauf deutet die Verordnung von Cocain hin. Therese Neumann kann sich erinnern, daß sie in jener Zeit und auch später an Erkältungen litt, bei denen sowohl die oberen Luftwege wie die Blase angegriffen waren. Nicht mit Sicherheit, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ist zu sagen, daß sie im Oktober 1925 auch an einer Erkrankung der oberen Luftwege litt, zu deren Linderung sie Lösungs- und Beruhigungsmittel, darunter auch Morphiumpräparate und deren Ersatz erhielt.

Die Heilung der Blinddarmentzündung am 13. November 1925

In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1925 befiel Therese Neumann infolge einer Versuchung ihrer Leidensbereitschaft eine heftige Erregung mit sehr starkem Schweißausbruch. Am anderen Morgen erwachte sie sehr spät und behielt, um noch rechtzeitig zur Kirche zu kommen, die naßgeschwitzte Leibwäsche an. Der 7. November war ein eiskalter Tag, so daß sie sich in der Kirche eine schwere Erkältung zuzog. Im Laufe des Tages begann sie sich so krank zu fühlen, daß sie sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte und sich zu Bett legen mußte. Nachts traten Schmerzen im Leib auf, die sich so steigerten, daß sie wie betäubt drei Tage lang vor Erschöpfung kaum mehr die Augen öffnen konnte. Als sie immer elender wurde, riefen die Eltern Dr. Seidl, der am 13. November 1925 abends gegen 6 Uhr ankam und als Ergebnis seiner Untersuchung angab, Therese Neumann habe Blinddarmentzündung im höchsten Grade. Sanitätsrat Dr. Seidl, der als Spezialist für Blinddarmerkrankungen in der ganzen Gegend bekannt ist und wie er mir sagte jährlich durchschnittlich sechzig Fälle operiert, erklärte, daß die Kranke sofort zur Operation nach Waldsassen ins Krankenhaus gebracht werde da er bei deren Vornahme erst am nächsten Morgen keine Gewähr mehr übernehmen könne. Von ihrer sofortigen Überführung in seinem eigenen Auto sah er nur deshalb ab, weil er sie schon für zu schwach hielt, als daß sie so lange sitzen könne. (Von Konnersreuth bis Waldsassen beträgt die Entfernung auf der Landstraße 6,2 km.) Die trostlose Mutter widersprach: Das Moidl komme ihr nicht aus dem Haus. Sie schrie laut, wie man einen so schwachen Menschen noch operieren wolle. Auch der Vater wollte auf den Rat des Arztes nicht eingehen, denn er war des Wortes der "Stimme" eingedenk: kein Arzt kann dir helfen. Er dachte bei sich, man werde sie morgen als Leiche heimfahren müssen. Dr. Seidl redete ihm deshalb nachdrücklichst zu, er solle doch vernünftig sein und sich um einen Wagen bemühen. Es sei keine Minute mehr zu versäumen. Unterdes brach Therese bereits "grün". Die Eltern wandten sich nun an den Pfarrer mit der Frage, ob es nicht besser sei, sie unter diesen Umständen überhaupt zu Hause zu behalten. Der Pfarrer erklärte ihnen nach einer Unterredung mit dem Arzte, er sei der Meinung, sie sollten in dem Urteil des Arztes den Willen Gottes erkennen und ihm folgen. Darauf lief der Vater fort, um beim Wirt Schiml Pferde und einen Landauer zu erbitten, während die Mutter in aller Eile laut weinend ein Bett, auf das ihre Tochter in dem Wagen gelegt werden sollte, und die notwendige Wäsche herrichtete. Der Arzt besuchte noch einen anderen Kranken und fuhr dann voraus, um im Krankenhaus selbst die nötigen Vorbereitungen zur Operation treffen zu lassen.

Über diesem Hin und Her verging etwa eine halbe Stunde. Therese Neumann selbst war mit allem einverstanden, was kommen würde. Nur der trostlose Schmerz der Mutter traf auch sie aufs tiefste. Sie dachte deshalb, es könne kein Unrecht sein, wenn sie sich in dieser äußersten Bedrängnis an die hl. kleine Theresia wenden würde, zumal diese ihr ja versprochen hatte : "Ich werde dir auch in Zukunft helfen." Sie hatte schon vorher dem Arzte gesagt, sie wüßte gewiß, die hl. kleine Theresia würde ihr helfen, wenn sie sie darum bitten würde. Der Arzt, der hierin eine Versuchung sah, hatte ihr geantwortet: "Ja, bei dir müßte die hl. Theresia immer Wunder wirken." Deshalb befragte sie vorher den Pfarrer, ob ihr Gebet keine Versuchung Gottes sei. Dieser erhob keine Bedenken dagegen, wenn sie die hl. kleine Theresia bitten würde, ohne Operation zu helfen, wenn es Gott recht wäre.

Therese Neumann besitzt eine Reliquie der hl. kleinen Theresia vom Kinde Jesu, nämlich ein Haar, das ihr der Karmeliterpater Seraphim von Reisach am Inn geschenkt hatte. Diese Reliquie befand sich in einer Kapsel und war in ein Säckchen eingenäht. Mittels einer Schnur um den Hals trug sie sie in der Regel auf der Brust. Diese Reliquie wurde ihr von der Pfarrhaushälterin Anna Forster jetzt auf die schmerzende Stelle des Leibes gelegt, während die Anwesenden die, hl. kleine Theresia zu bitten begannen. Therese Neumann konnte vor Schmerz nicht mit den anderen beten. Sie sprach nur: "Woißt, kleine Therese, du könntest mir helfen. Du hast mir scho öfters g'holfen. Mir is gleich. Aber hörst es doch, wie d' Mutter tut." Dabei wand sie sich nach der Schilderung des Pfarrers im Bette vor Schmerz wie ein Wurm. In seinem Schreiben an die Grenzzeitung in Waldsassen vom 15. April 1926 schilderte Pfarrer Naber als Augenzeuge den Vorgang, der - ergänzt durch Gespräche mit dem Verfasser.-.sich folgendermaßen darstellte: Urplötzlich richtete sich Therese Neumann etwas auf, öffnete die Augen, ihr Gesicht wurde wie verklärt. Sie hob die Hände und streckte sie nach jemandem vor ihr aus, sprach einige Male "Ja" und setzte sich dann ganz auf. Der Vorgang selbst spielte sich außerordentlich rasch ab, so daß die Umstehenden Therese Neumann sofort aus der Schauung herauskommen und sich mit dem Ausruf "wirkli ?" an die früher schmerzende Stelle des Leibes greifen sahen. Therese Neumann erklärt, sie habe dieses "wirkli ?" im Sinne von "ist's möglich" ausgerufen. Denn sie habe auf einmal keinen Schmerz mehr gespürt und sich wie verwandelt gefühlt. Darauf fragte Pfarrer Naber sie, ob vielleicht die hl. kleine Theresia wieder dagewesen sei und ihr geholfen habe. Sie antwortete: "Ja, und sie hat gesagt, ich solle gleich in die Kirche gehen und Gott danken. Mutter, bringts mir ein Gewand !" Nach Therese Neumanns Schilderung war ihr die hl. kleine Theresia auch diesmal nicht persönlich sichtbar erschienen, dagegen hatte sich ihr dasselbe Licht wie früher schon bei der Heilung von der Lähmung gezeigt und dieselbe Stimme hatte zu ihr gesprochen. Pfarrer Naber berichtet nach Angabe von Therese Neumann als ihre Worte: "Deine völlige Hingabe und Leidensfreudigkeit freut uns. Und damit die Welt erkenne, daß es ein höheres Eingreifen gibt, sollst du jetzt nicht geschnitten zu werden brauchen. Steh auf und geh gleich in die Kirche und danke Gott!" Hier hat die Stimme, wie ergänzend einzufügen ist, noch ein "Aber gleich, gleich!" ausgesprochen. Die Stimme fuhr dann fort: "Du wirst aber noch viel zu leiden haben und dadurch mitwirken dürfen am Heile der Seelen. Dem eigenen Ich mußt du immer mehr absterben. Und bleib immer so kindlich einfältig!" Mit der Erscheinung des Lichtes hatte sich ihr eine Hand entgegengestreckt. Der Vater hat den Eindruck gehabt, daß Therese ihre Hand so ausstreckte, als ob sie nach etwas greifen wollte, es aber nicht erreichen konnte, und befragte deshalb seine Tochter. Sie antwortete ihm, es sei ihr eine Hand erschienen, nach der sie Therese Neumann greifen wollte, die sie aber nicht habe "erwischen" können. Es sei eine weiße schmächtige Hand gewesen.

Ich habe schon berichtet, wie Therese Neumann ihre Antwort auf die erste Frage des Pfarrers mit den Worten geschlossen hat: "Mutter, bringts mir ein Gewand." Aus mütterlicher Besorgnis widersprach ihr diese unter Hinweis auf die Dunkelheit, sowie die Kälte des Abends. Da aber die Stimme den Befehl zum Aufstehen und zum Kirchgange durch ein "Aber gleich ! gleich!" verstärkt hatte, bestand Therese Neumann der widerstrebenden Mutter gegenüber auf ihrem Vorsatz. Sie fand die Unterstützung des Pfarrers. Darauf erhielt sie ein Gewand, zog sich an und ging, begleitet von den Anwesenden, etwa zehn Personen, zur Kirche. Dort verweilte sie zwanzig Minuten. Sie besaß die Kraft, zweimal eine Kniebeuge bis zum Boden vor dem Hochaltar zu machen; während des Gebetes selbst kniete sie. Das ganze Geschehen von der Ankunft des Arztes bis zur Rückkunft aus der Kirche vollzog sich in der Zeit von 6 bis 7 Uhr abends.

In dem kleinen Markt Konnersreuth hatte sich natürlich unter den Einwohnern die Krankheitsfeststellung Dr. Seidls und das neue Unglück im Schneiderixenhaus sofort herumgesprochen. Ebenso war der Gang zur Kirche - zu so ungewohnter Zeit am 13. November um 1/2 7 Uhr abends ist es schon Nacht - aufgefallen. Die teilnehmenden Nachbarn kamen daher sofort herbei und ließen sich von Therese Neumann ihr Erlebnis erzählen. Erst um 1/2 11 Uhr entfernten sich die letzten Besucher. Gegen 1/2 12 Uhr dann, so erzählte Therese Neumann, spürte sie ein "Rumoren im Leib" und es erfolgte eine Ausscheidung ; zuerst war es dicker, gelber Eiter, dann Blut mit Eiter gemischt und schließlich ein etwa 10 Zentimeter langes und schmales, zähes, gelblichgraues, hautartiges, vereitertes Gebilde.

Am anderen Tage fuhren Pfarrer Naber und Therese Neumann gegen Mittag mit dem Postauto nach Waldsassen zu Sanitätsrat Dr. Seidl, der sie aufs höchste überrascht empfing. Er erklärte, es komme allerdings, aber nur höchst selten vor, daß sich der Eiter einer Blinddarmentzündung auf natürlichem Wege durch den Darm entleere. Aber die Ausheilung einer solchen Kranken beanspruche noch mehr Zeit als die nach einer Operation.

Von der Heilung der Blinddarmentzündung bis zur ersten Stigmatisation zu Ostern 1926

Therese Neumanns Leben verlief nach der Heilung von der Blinddarmentzündung den Winter 1925-192A hindurch still im häuslichen Kreise. Wesentliche Ereignisse weiß sie aus dieser Zeit nicht zu erzählen. Wegen einer Urinverhaltung von etwa 10 Tagen, die nach einer Erkältung im Januar 1926 auftrat, ordnete Dr. Seidl die Katheterisierung an. Der normale Urinabfluß trat dann aber noch vor dem Eingriff ein. Näheres über diese Erkrankung ließ sich nicht feststellen, auch der Zeitpunkt ist unsicher. Die Wahrscheinlichkeit spricht für die angegebene Zeit.

Kurz vor der Fastnacht (16. Februar) 1926 begann dann ein neuer wichtiger Einschnitt in Therese Neumanns Leben: die Entwicklung, die zum Auftreten der Stigmatisation und der geschichtlichen Schauungen führte.

Am Samstag vor Fastnacht, dem 13. Februar 1926, wurde ihr während der Messe so schlecht, daß sie die Kirche verlassen und sich zu Hause ins Bett legen mußte. Sanitätsrat Dr. Seidl vermutete zunächst den Anzug einer Grippe. Nach einem Rezept für Frl. Neumann, Konnersreuth (Landw. Berufsgen.) vom 17. Februar 1926 verordnete er: 1. Phenacetintabl. (0,5) 10 St.; 2. A pomorphin 0,01, Morph. muriat. 0,04, Ac. rnur. dil. 1,0, Aqu. dest. 120,0, Liq. Gort. A ur. ad 150,0. 3-4 stdl. 1 Löffel.

Therese Neumann scheint also auch an starkem Husten gelitten zu haben, denn am 22. Februar 1926 verordnete er ihr - diesmal ist der Vorname genannt - Morph.f m ur. 0,3, Aqu. dest. ad 30,0. S. Hustentropfen. 3 x 10-15 Tropfen z. n. Bald aber entwickelte sich bei ihr ein Ohrgeschwür auf der rechten Seite. Sie hatte, wie berichtet ist, schon früher damit zu tun gehabt. Diesmal entwickelte sich die Erkrankung in der gleichen Weise, wenn auch nicht ganz so stark wie im Jahre 1924. Aus dem Ohr lief Eiter. Es wurde ihr deshalb, wie die Eltern erzählten, Watte, die mit wässeriger Arznei getränkt war, in das Ohr gesteckt, damit es nicht so roch. Eine weitere Behandlung wurde nicht vorgenommen. Aus den Augen sickerte hin und wieder ein wenig Blutwasser und Eiter; an den Freitagen aber nur wenig. Das Leiden zog sich bis zum Karsamstag, den 2. April 1926 hin, an welchem Tage das Geschwür aufbrach und Eiter und Blut sich durch den äußeren Gehörgang entleerte. Während der ganzen Fastenzeit bis Ostern lag Therese Neumann ständig im Bett. Sie erzählte mir, daß sie in allen Jahren. ihrer Krankheit in jeder Karwoche mehr zu leiden gehabt habe, als sonst. Auch diesmal verschlechterte sich ihr Zustand bereits während der Fastenzeit derart, daß sie fast nichts mehr beten konnte. Als die Karwoche selbst herangenaht war, war ihr Schwächezustand so weit vorgeschritten, daß sie sich nicht einmal mehr eine richtige Vorstellung von der religiösen Bedeutung dieser Zeit machen konnte.

Ehe ich jetzt die einzelnen Geschehnisse schildere, sei hier nur kurz die Bemerkung der Therese Neumann eingeschoben, daß sie von Stigmatisationen damals noch keine Vorstellung hatte, auch nie selbst den Wunsch gehabt hatte, stigmatisiert zu werden. Ein solcher Wunsch scheine ihr auch heute noch eine sündhafte Vermessenheit. Auch den hl. Franz von Assisi verehre sie erst jetzt, seit sie wisse, daß er die Tiere und Pflanzen so lieb gehabt habe.

In der Nacht des Donnerstags, des 4. März 1926, auf den Freitag lag sie- bei großer Schwäche wach in ihrem Bette. Sie dachte an nichts Besonderes, ja, sie wußte nicht einmal, daß es Donnerstag war. Da hatte sie plötzlich eine geschichtliche Schauung. Sie sah Christus im Garten am Ölberg knien. Sie sah auch die schlafenden drei Jünger, aber nicht den Engel, der Christus erschien. Zur gleichen Zeit, als sie Christus erblickte, fühlte sie plötzlich auf der linken Seite am Herzen einen Schmerz von solcher Stärke, daß sie meinte, sie müsse sterben. Gleichzeitig begann ihr aus derselben Stelle heiß das Blut herunterzurinnen. Die Stelle blutete leise fort bis zum Freitag Mittag und versiegte dann.

In der darauffolgenden Woche bis zur Nacht des Donnerstags, des 11. März 1926, auf den Freitag, den 12. März setzte sich der schon geschilderte Leidenszustand fort, ohne daß etwas Bemerkenswertes aufgetreten wäre. In dieser Nacht aber, und zwar in der Frühe des Freitags, erlebte sie ihre zweite geschichtliche Schauung. Sie sah Christus zuerst in der Nacht am Ölberg und in der Frühe an der Geißelsäule. Gleichzeitig blutete wieder die Seite wie acht Tage vorher bis zum Freitag Mittag. Dabei erfuhr sie erst am Morgen auf ihre Frage von der Mutter, daß es Freitag sei. Sie selbst hatte es nicht gewußt.

Die nächste geschichtliche Schauung wurde ihr am nächsten Donnerstag-Freitag, dem 18./19. März 1926, zuteil. Sie sah wieder Christus am Ölberg, dann die Geißelung und neu, wie Christus mit Dornen gekrönt wurde. Wiederum blutete die Seite.

Am "schmerzhaften" Freitag, nämlich dem Freitag vor dem Karfreitag, dem 26. März 1926, hatte sie auch die Schauung der Kreuztragung durch Christus und seines Sturzes unterm Kreuz. Die Seitenwunde blutete wieder. Das Bluten begann schon nachts mit der Ölbergschauung. Gleichzeitig trat auf dem linken Handrücken oben eine offene Wunde auf. Die Mutter bemerkte sie und fragte ihre Tochter, ob sie sich etwas getan habe. Diese antwortete ihr: "Na! na! Dies is selber gewachsen." Von den Schauungen hatte sie bisher nichts erzählt. Sie schwieg darüber auch noch in der nächsten Zeit. Da sie damals während ihrer geschichtlichen Schauungen still im Bett lag - also nicht aufgerichtet war und sie auch nicht mit Gesten, wie später, begleitete entbehrten diese äußerer Anzeichen. So erklärt sich, daß Therese Neumann ihre Schauungen vor ihrer Familie verschweigen konnte.

Das Vorhandensein der Brustwunde hatte Therese Neumann dank der Hilfe, die ihr ihre verschwiegene Schwester Kreszentia zuteil werden ließ, ebenfalls bisher vor den Eltern verbergen können. Es leitete sie dabei der Gedanke, der Mutter einen weiteren Schrecken zu ersparen. So wusch ihr die Schwester die Leibwäsche und die Lappen, die sie auf die blutende Stelle gelegt hatte, ohne daß die Mutter, die ja nicht nur dem großen Haushalt, sondern auch der Landwirtschaft vorstehen mußte und überbeschäftigt war, etwas bemerkte. Ebensowenig der Vater, der infolge der nahen Osterfeiertage an seine Schneiderarbeit besonders gefesselt war. Therese Neumann hatte außerdem ständig ein schwarzes Tuch um die Schultern gelegt, aus Sorge, von der Seitenwunde könnten Blutflecken durch die weiße Nachtjacke hindurchdringen. Sie schützte der Mutter gegenüber, die ihr das schwarze Tuch wegnahm, weil sie "wie ein Großmutterl" im Bett liege, Frieren vor und erreichte auch durch vieles Bitten, daß sie es ihr zurückgab.

Am schmerzhaften Freitag, dem 26. März 1926 aber, an dem Tage, an dem das obere Stigma der linken Hand auftrat, entdeckte der Vater nachmittags durch Zufall das Vorhandensein des Herzstigmas. Er sah nämlich seine Tochter einen Fleck Leinwand an ihrer Seite hervorziehen und ihn heimlich ihn Bette verstecken. Darnach bat sie ihn, ihr einen anderen Fleck zu geben, den sie achtfach zusammenlegte und plötzlich ebenso heimlich verschwinden ließ. Da wurde seine Aufmerksamkeit wach. Er suchte in ihrem Bett, fand den ersten, den blutigen Fleck, und zeigte ihn seiner Frau. So erfuhren die Eltern von dem Vorhandensein einer blutenden Seitenwunde bei Therese Neumann, allerdings ohne an diesem Nachmittag die Wunde selbst zu sehen.

In der Nacht vom Gründonnerstag zum Karfreitag (1.-2. April) 1926 und zwar um Mitternacht begannen für Therese Neumann erstmals die Schauungen des Leidensweges Christi vom Gang zum Garten am Ölberg bis zum Kreuzestod. Sie dauerten bis nachmittags 3 Uhr. Während der Schauungen verschlechterte sich ihr Zustand in besorgniserregender Weise. Als Pfarrer Naber sie vormittags besuchte, machte sie den Eindruck einer schwer Leidenden. Nachmittag brachte er das Krankenöl mit, da er ihren baldigen Zusammenbruch und Tod befürchtete. Ihr auch die Kommunion zu reichen, war bereits unmöglich. Pfarrer Naber berichtete : "Als ich sie am Karfreitag nach dem Mittagstisch mit noch einem Geistlichen besuchte, lag sie da wie ein Marterbild, die Augen von Blut ganz verklebt, zwei Streifen Blut über die Wangen, fahl wie eine Sterbende. Bis um 3 Uhr, der Todesstunde des Heilands, rang sie in furchtbaren Todesqualen. Dann wurde sie wieder ruhiger." Als Pfarrer Naber sie besuchte, bluteten die Augen bereits so stark, daß das Blut in der geschilderten Weise über die Wangen rann. Vorher war das Blut und der Eiter, die aus den Augen quollen, noch nicht so stark geflossen, so daß sie von der Kopfbinde, die sie wegen ihres Ohrgeschwürs trüg, aufgefangen wurden. (Bericht in der Grenzzeitung, Waldsassen, unterm 15. April 1926.) Der Pfarrer erzählt mir, als Therese Neumann gefragt wurde, ob sie sterben werde, habe sie mit Ja geantwortet. Er aber habe mit der Spendung der letzten Ölung gewartet, weil er sich gedacht habe, bis 3 Uhr, wo Christus stirbt, werde das Leiden aufhören. Und so sei es auch geschehen.

Als Therese Neumann nach den Schauungen am Karfreitag wieder in ihren gewöhnlichen Zustand zurückkehrte, fühlte sie an ihren Händen und Füßen Schmerzen. Weil ihr aber die Augen von Blut verklebt waren, konnte sie nicht nach der Ursache schauen, sondern bat abends ihre Schwester Kreszentia, nachzusehen, was da wäre. Diese sah nach und erklärte ihr: "San so Fleck droben, so offene warme Wunden." Es waren die Stigmen an der Oberseite der Hände und Füße. Dann verband sie ihrer Schwester diese Wunden, sagte aber den Eltern nichts von ihrer Beobachtung. Die Wunden blieben diesen auch tatsächlich noch am Karfreitag verborgen, da sie an diesem Tage nicht wagten, ihre Tochter anzurühren, aus Angst, ihr wehe zu tun. Am Karsamstag, als sie sie umbetteten, konnten sie ihnen allerdings nicht mehr unbekannt bleiben. Die Eltern gingen darob zum Pfarrer Naher, sich bei ihm Rats zu erholen.

Der Pfarrer kam am Ostersonntag früh, Therese Neumann die Kommunion zu reichen. Therese, die nur sehr ungern ihr Geheimnis entdeckt sah, gehorchte seiner Aufforderung, ließ sich den Verband von den Händen und Füßen abnehmen und ihn die Wunden sehen. Pfarrer Naher erzählte mir, die Stigmen an den Füßen hätten so ausgesehen, wie wenn mit einem Messer in scharfem Schnitt die Haut herausgeschnitten worden wäre. Therese Neumann, die dem Gespräch anwohnte, meinte, die Handwunden, die sie bei ihrem erschöpften Liegen allein richtig sehen konnte, hätten den gleichen Eindruck gemacht. Die Stigmen waren kreisrund und von der jetzigen Größe. Von dem unerwarteten Anblick war Pfarrer Naher ebenso wie schon tags zuvor die Eltern aufs höchste betroffen und es währte lange, bis ihm die gewohnte innere Ruhe zurückkehrte. An sämtlichen Wunden empfand Therese Neumann ständig Schmerz.

In der Frühe des Ostertages wurde Therese Neumann wieder eine Schauung zuteil. Sie sah den auferstandenen Christus in weißem Gewande.

Nach dem Karfreitag blieben die fünf Wunden noch vierzehn Tage hindurch offen, so daß sie immer einen Verband tragen mußte. Sie waren zwar ständig feucht, bluteten aber nicht immer gleich stark. Am äußeren Rande waren sie erhöht, im Inneren ein wenig vertieft. Dabei sahen sie frisch rot aus. Am 17. April 1926 hatte sich über ihnen ein durchsichtiges Häutchen gebildet, so daß die Stigmatisierte wieder die Hände und Füße wie früher waschen konnte. Eine Entzündung oder Eiterung war an den Wunden zu keiner Zeit bemerkbar, außer während ihrer Behandlung mit Arznei. Die Eltern waren der Meinung, die so plötzlich neu aufgetretenen Wunden müßten doch irgendwie zur Heilung gebracht werden können. Die Mutter versuchte es mit Hausmitteln. Sie fand dabei das bereitwilligste Entgegenkommen ihrer Tochter. Therese Neumann hat mir ihre damalige geistige Einstellung zu den Stigmen, die sie erhalten hatte, ohne ihre Bedeutung zu kennen, und zu den Schauungen, die ihr zugleich zuteil geworden waren, etwa folgendermaßen erzählt. Sie habe gedacht, was jetzt dies wohl sei und sein solle. Wenn jetzt dies aufkomme, wenn es wer sehe und dann auch die Seitenwunde aufkommt, ja, wenn sie dann sogar sagen müsse, sie habe den Heiland am Ölberg gesehen, so würden die Leute sagen, sie spinne (Dialektausdruck für sie sei geisteskrank). "Denkens mal, Herr Doktor", so ereiferte sie sich mir gegenüber "Sie stehen morgens auf und haben Löcher in die Händ, wie ihnen dann zumut ist. Ich hab' denkt, weil i's in der Seiten kriegt hab, wie ich den Heiland am Ölberg g'sehen hab, werden die Wunden damit zusammenhängen. , Hab aber nicht g'wußt, was das is. Hab von Stigmen nix g'wußt und g'hofft, es werd' vorübergehn, wie die Aufliegewunden am Rücken." Sie war daher erschreckt, als sie erlebte, wie die Hausmittel der Mutter unwirksam blieben.

Inzwischen war auch Dr. Seidl aus Waldsassen gekommen, die Stigmen zu untersuchen. Er stellte fest, daß die Seitenwunde einen Durchmesser von etwa drei und ein drittel Zentimeter hatte und daß ihm Ähnliches in seiner langjährigen ärztlichen Praxis noch nicht vorgekommen sei. Er zeigte zuversichtliche Hoffnung, wie stets am Krankenbette, daß die Wunden bald heilen würden, verschrieb eine Salbe und gab genaue Vorschriften über ihre Anwendung. Sein Rezept vom 9. April 1926 für Fräulein Therese Neumann, Konnersreuth (landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft), Oberpfalz, lautet: Liqu.alumin. subacet. 1,5, Vaseline ad 30,0, Verbandsgaze 1 mtr.

Es war also eine ganz milde Essigsaure-Tonerdesalbe. Als diese einige Zeit auf den Wunden gelegen hatte, begannen die Hände, die Füße und die Seite stark anzuschwellen; das Blut sickerte dabei weiter aus den Wunden. Dazu stellten sich derart heftige Schmerzen ein, daß Therese Neumann meinte, sie könne es kaum mehr aushalten. Die Schwellung der Seite führte außerdem zu sehr starken Atembeschwerden. Wiederholt mußte ihr die Mutter Tropfen geben, weil ihr schlecht wurde. Ein Bruder des Arztes, der katholischer Pfarrer ist, kam öfters während dieser Zeit zum Pfarrer Naber, um nachzufragen, wie die von seinem Bruder verordnete Salbe wirke. Pfarrer Naber besuchte deshalb jeweils Therese Neumann, um sich nach der Wirkung zu erkundigen. Er erhielt den Bescheid, die Salbe sei mehrmals auf die Wunden gebracht worden, habe aber nicht gut getan. Er befahl darauf, die Salbe trotz der Schmerzen auf den Wunden zu belassen. "Wir wollen uns nicht nachreden lassen," so sagte er, "wir hätten die natürlichen Mittel nicht angewendet." Die Leidende, die seinem Gebote folgte, suchte er mit dem Zuspruch zu trösten, es werde schon wieder gut werden. Gingen die Wunden aber nach einiger Zeit nicht fort, so werde er an den Bischof schreiben. Therese Neumann erzählte mir, sie habe sich über des Pfarrers Worte "nicht ausgekannt" denn er habe ihr nichts weiter gesagt; auch nicht, warum er dann an den Bischof schreiben wolle. "Der Herr Pfarrer hat mich zobeln (zappeln) lassen", sagte sie wörtlich. Als ihr Zustand immer besorgniserregender wurde, schickten die Eltern ihren jüngsten Sohn Hans zum Pfarrer mit der Botschaft über ihren Zustand und der Frage, ob er sein Gebot aufrecht erhalte. Der Knabe aber vergaß unterwegs die Anfrage und richtete nur die Mitteilung über ihren Zustand aus und so blieb denn Therese Neumann, ihrem Seelenführer gehorsam, mit den Verbänden auf den Wunden in ihren Schmerzen weiter liegen, bis abends der Pfarrer aus eigenem Antrieb sie nochmals besuchte und angesichts ihrer Leiden die Verbände abzunehmen erlaubte.

Nach ein paar Tagen kam Dr. Seidl, um selbst nach dem Ergebnis seiner Kur zu sehen. In Gegenwart des Pfarrers verband er die Wunden aufs neue mit der bestimmten Weisung, die Verbände so lange unberührt zu lassen, bis er, Dr. Seidl, selbst sie abnähme. Dann verließ er mit dem Pfarrer zusammen das Neumannhaus. Als letzterer nach kurzer Zeit dorthin zurückkehrte, hatten sich bei Therese Neumann die früheren Schmerzen wieder eingestellt und sie hätte die Verbände wieder abgenommen, wenn der Pfarrer nicht erklärt hätte, er käme in einigen Stunden wieder; man solle abwarten, was weiter wird. Währenddessen nahm die Geschwulst der Seite, der Hände und Füße ständig zu; die Wunden bluteten stark. Drei Männer aus Konnersreuth wurden von dem Anblick ihrer Leiden so ergriffen, daß sie äußerten: "So eine Schinderei!"

Abends gegen 10 Uhr kam Pfarrer Naber wieder. Angesichts der Schmerzen der Therese Neumann und der Vorstellungen ihrer Mutter entschied er sich dahin, sein Gebot nicht aufrecht zu erhalten. Sie sollten tun, was sie für richtig hielten. Den Arzt noch in der Nacht eigens von Waldsassen herüberzubitten, wo es sich offenbar nicht um eine Sterbenskrankheit handelte und man sich auch selbst helfen konnte, erschien der Mutter und ihrer Tochter unziemlich. Sie beschlossen daher, die Verbände jetzt abzunehmen, für die Nacht einfache Leinwandflecke aufzulegen, aber am Morgen die alten Verbände wieder anzulegen., So geschah es auch. Rasch ließen die Schmerzen nach und verschwanden bald ganz. Ebenso schnell gingen die Schwellungen zurück.

In der Nacht, ungefähr um ¾ 2 Uhr morgens des 17. April 1926, bat Therese Neumann die hl. Therese vom Kinde Jesu um Fürbitte, es möge ihr doch irgend wie ein Zeichen werden, wie man die Wunden, mit denen niemand etwas anzufangen wisse, behandeln solle. Sie erzählte mir ihre Zwiesprache mit der hl. kleinen Theresia folgendermaßen: "Weißt, kleine Therese, hast mir doch schon so oft geholfen. Jetzt schau! Es ist ja nicht zum Aushalten. Bitt den Heiland! Der soll's uns kenna laun (= erkennen lassen). Wenns mit der Salb'n g'heilt werden soll, ist mirs recht. Und wenn nicht, na soll er uns au kenna laun, was mir daue (= tun) solln."

Nicht lange, nachdem sie so gebetet hatte, fühlte sie, wie die Leinwandfleckchen, welche auf den offenen Wunden festgeklebt waren, sich lockerten. Sie weckte ihre Schwester Kreszentia, die mit ihr das Zimmer teilte, und hieß sie das elektrische Licht andrehen. Dann öffnete sie die Verbände. Die Leinwandfleckchen fielen ab. Nun klopfte sie, mit einem Stock auf den Fußboden ihres Zimmers aufstoßend, den im darunterliegenden Zimmer schlafenden Eltern und zeigte ihnen die Wunden. Sie waren durch ein helles, wie Gelatine ausschauendes Häutchen geschlossen, sahen aber heller aus, als heute im gewöhnlichen Zustand. Sie waren etwa hellrot. Seit jener Zeit hat sie dort ein Schmerzgefühl in der Art, wie ich es bei der Schilderung der Stigmen auf Grund eigener Beobachtungen beschreiben werde. Dr. Seidl äußerte kurz darauf ihr und ihrer Mutter gegenüber sein Erstaunen über die Eigenart der Wunden, die - wenn man sie in Ruhe lasse sich weder entzündeten noch eiterten. Die verordnete Salbe bezeichnete er nach dem Rezept mit Recht als die harmloseste, die er in seiner Praxis habe. Er verzichtete von jetzt an auf eine weitere Behandlung der Wunden und wickelte nur eine Binde um sie, wie es Therese Neumann heute noch tut. Bis zur Fastenzeit 1927 bluteten die Hand- und Fußwunden nicht mehr, auch nicht an Freitagen, an denen Therese Neumann die Schauungen des Leidensweges Christi nebst Bluten der Herzwunde und der Augen hatte.

Der Bericht des Pfarrers Naber vom 15. und 17. April 1926

Hatten schon die Heilungen der Therese Neumann mit ihren merkwürdigen Begleitumständen in der näheren Umgebung Konnersreuths beträchtliches Aufsehen gemacht, so mußte sich dieses erheblich verstärken und verbreiten, als ihr auch die Stigmatisierung und die Schauungen des Leidens Christi zuteil wurden. Deshalb sah sich Pfarrer Naber veranlaßt, der Waldsassener Grenzzeitung einen Bericht zur Veröffentlichung (in Nr. 89 vom 21. April 1926) zu übergeben, der hier mit seiner Erlaubnis wiederholt wird, da er die älteste Schilderung der Erlebnisse jenes Augenzeugen darstellt, dem durch sein Amt ein besonders genauer Einblick in die Geschehnisse gewährt worden war.

"Konnersreuth, den 15. April 1926. Anscheinend sind nah und fern über auffallende Vorgänge, die sich in Konnersreuth in den letzten Jahren zugetragen haben, Gerüchte im Umlauf, die der Wahrheit nicht ganz entsprechen. Da es sich um ganz Ungewöhnliches und Erhabenes an einem scheinbar ganz gewöhnlichen Menschenkinde handelt, muß sich der in unserer Zeit steckende kritische Geist geradezu herausgefordert fühlen, und es ist zu befürchten, daß die kleinste Entstellung der Wahrheit schon ihn zu einem wegwerfenden Urteil über das Ganze veranlaßt. Deshalb halte ich es für meine Pflicht, die fraglichen Vorgänge in ihren Hauptmomenten der Öffentlichkeit einfach und schlicht so, wie sie sich vor unseren Augen abgespielt haben, vor Augen zu führen.

Die Schneiderstochter Therese Neumann in Konnersreuth hatte sich im Frühjahr 1918 im Alter von zwanzig Jahren gelegentlich eines Brandes beim Hinaufreichen von Wasser zum Löschen offenbar infolge von Überanstrengung eine Wirbelsäuleverletzung zugezogen. Sie war damals plötzlich zusammengeknickt, hat sich dann mühsam durch den Sommer geschleppt, um im Herbst, als die Grippe, so gefährlich auftrat, von furchtbaren Krämpfen überfallen zu werden, zu denen sich die verschiedenartigsten Lähmungen und Muskelzusammenziehungen gesellten. Unter anderem war sie von 1919 an über vier Jahre stockblind. Am Seligsprechungstag der ehrwürdigen Theresia vom Kinde Jesu, am 29. April 1923, kehrte plötzlich das volle Augenlicht wieder. Die übrigen erwähnten Leiden dauerten fort bis zum Heiligsprechungstage Theresiens, bis zum 17. Mai 1925. An diesem Tage wurde ich zu der Kranken gerufen, weil man nicht wisse, was sie habe. Ich traf sie, die Augen unverwandt auf etwas vor ihr gerichtet, die Hände darnach ausgestreckt, das Angesicht freudig strahlend; sie nickte mit dem Kopfe und schüttelte ihn, als ob sie mit jemand spräche; plötzlich setzte sie sich, nachdem sie das sechseinhalb Jahre nicht mehr gekonnt hatte, auf, aber unter großen Schmerzen an der verletzten Stelle im Rückgrat. Als der außerordentliche Zustand geschwunden war, fragte ich, wo sie denn jetzt eben gewesen sei. Statt einer Antwort auf diese Frage erklärte sie mit verblüffender Sicherheit, sie könne jetzt aufstehen und gehen. Ihre Mutter sah alsbald nach dem linken Fuß,. der seit ungefähr dreiviertel Jahren unter den rechten hinaufgezogen war; der lag jetzt wieder normal neben dem anderen. Hierauf stand die Kranke auf und von ihrem Vater und einer Krankenschwester geleitet ging sie über die halbe Stube hin und zurück. Auf meine erneute, Frage, wo sie denn vorhin gewesen sei, erzählte sie: Plötzlich sei es, während sie betete, vor ihren Augen ganz wunderbar hell geworden und eine überaus freundliche Stimme habe, sie gefragt, ob sie nicht gesund werden wolle ; sie habe erwidert, ihr sei alles recht, gesund werden, krank bleiben, sterben, wie Gott es wolle. Darauf habe die Stimme gesagt : Sie solle heute eine kleine Freude erleben, sie solle aufstehen und gehen können; aber sie werde "noch viel leiden dürfen und kein Arzt werde ihr helfen können; sie solle aber nicht verzagen, Ich hab dir bisher geholfen und werde dir auch in Zukunft helfen." Nachdem die Stimme noch über anderes, besonders über den Wert des Leidens, gesprochen hatte, schloß sie: "Ich hab geschrieben Durch Leiden werden mehr Seelen gerettet, als durch die glänzendsten Predigten." (Siehe sechster Brief der hl. Theresia vom Kinde Jesu an die Missionäre) Von da an waren die zwei Rückgratwirbel, die vordem etwas eingedrückt und seitlich verschoben waren, in natürlicher Lage, Krämpfe und Lähmungen blieben völlig aus, und die Kranke konnte, auf einen Stock und eine begleitende Person gest&